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Der wahre Horror
ist letztendlich nur eine Wiedergabe der Realität. Keine Geistergeschichte
und kein Slasher könnte uns jemals eine solche Gänsehaut über den Rücken
jagen, wie das zutiefst Nachvollziehbare, das Alltägliche. Die australische
Low-Budget-Inszenierung "Alexandra's Project" ist einer von den
Filmen, die einen aufgrund ihrer nachfühlbaren Authentizität schockieren
und dazu keinerlei aufgesetzte Effekte brauchen. Was uns der Filmemacher
Rolf de Heer, von dem auch der herausragende "Bad Boy Bubby"
stammt, hier vorsetzt, ist Horror aus dem ganz alltäglichen Leben, dem
vermutlich die meisten schon einmal begegnet sind.
Alles beginnt
friedlich, beschaulich. Eine kleine, saubere Vorstadt, in der jeder jeden
kennt und in der die Harmonie beheimatet zu sein scheint. Es fehlte nur noch
eine wehende "Stars and Stripes" Flagge irgendwo und man würde
seine sofortige Erinnerung an "American Beauty" bestätigt sehen.
Doch schon dort war das geleckt-saubere der Oberfläche nur Fassade, nicht
anders scheint es in Australien zu sein. Die Hauptfiguren sind typische
Reflexionen der 08/15 Familie. Die Eltern führen eine nicht mehr ganz
sorglose, aber immerhin intakte Ehe, haben einen guten Draht zu ihren
Kindern. Der an seinem Geburtstag beförderte Vater hat die Rolle des
Ernährers inne, während die Frau den Haushalt schmeißt und die Kinder
großzieht. Doch schnell verdunkelt sich dieses makellose Bild. Alexandra
gibt sich stets sehr distanziert zu ihrem Mann Steve, scheint apathisch, um
dessen Anwesenheit überhaupt ertragen zu können.
"Alexandra's
Project" braucht nicht sonderlich lang, um mit den einfachsten Bildern
eine unheimliche Spannung auf den Zuschauer auszuüben. Die Bilder, die uns
Rolf de Heer serviert, sind weder aufwändig, noch von nennenswert
künstlerischem Aufbau, doch sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Die typischen
Szenen einer Ehe gehen hier einheitlich mit einer immensen, melancholischen
Schwere, deren Ursprung nicht leicht zu deuten ist. Weder schlägt Steve
seine Frau, noch haben die beiden Streit und doch liegt ein enormer Abstand
zwischen den Beiden, der den Ausgangspunkt für das noch Folgende bildet. Es
sind die leisen Zwischentöne, die Erwartung auf das noch zu Erwartende, was
einen alsbald gekonnt an den Bildschirm fesselt. Man weiß, dass es schon
sehr bald zur Katastrophe kommen wird, kann diese aber nur erahnen. Von der
ersten Minuten an ist "Alexandra's Project" absolut unberechenbar,
ein intensives Psychospiel, das gekonnt mit der Erwartungshaltung des
Zuschauers interagiert.
Was man hier geboten
bekommt, ist ein verstörender Thriller der besonderen Sorte.
"Alexandra's Project" bietet keine Action,
keine schnellen Szenenabfolgen, er spielt sich ab einem gewissen Zeitpunkt
nur noch in einem dunklen Raum ab und zeigt, wie sich Steve den Inhalt des
Videobandes ansieht. Was sicherlich langweilig klingt, ist in der
Ausführung ein deprimierender Trip in die dunklen Pfade der Abgründe einer
Ehe. Alexandra entlädt all den jahrelang angesammelten Schmerz auf dem
Videoband und arbeitet all ihre Verzweiflung auf. Gleichzeitig ist der
Geburtstag ihres Mannes ihr größter Triumph, an dem sie sich für all die
in ihren Augen gestohlenen Jahre
rächen wird. Steve stellt schnell fest, dass er in dem Haus eingesperrt ist
und auch per Telefon keinen Kontakt zur Außenwelt herstellen kann und somit
gezwungen ist, sich das Band anzusehen. Und was er darauf noch zu sehen
bekommt, ist Psychoterror pur, der sein gesamtes Leben für immer ruinieren
soll.
Die Aufmachung des
Films ist faszinierend. Trotz des in wenigen Sätzen zu erklärenden
Inhaltes und der Tatsache, dass die zweite Hälfte lediglich aus Steve's
Konfrontation mit dem Videoband besteht, verliert der Film nie an
Schubkraft. Genau wie den männlichen Hauptcharakter trifft der Inhalt
dieses Bandes auch den Zuschauer an einer empfindlichen Stelle. Parteilos
beobachtet Rolf de Heer, wie sich zwei Menschen ihr Innerstes offenbaren und
sich in Folge von jahrelanger Unfähigkeit zum Dialog innerhalb von weniger
als einer Stunde selbst zerstören. Für den Zuschauer ist dies eine
intensive, niederschmetternde, da zutiefst ehrliche Erfahrung, die er so
schnell nicht wieder vergessen wird.
Gewalt sollte man
aufgrund der Freigabe ab 16 Jahren nicht erwarten, vielmehr geht
"Alexandra's Project" stellenweise sehr offen mit nackter Haut und
Sexualität um, wofür man auch die Schauspieler loben muss. Vollkommen
entblößen sie sowohl ihren Körper, als auch ihr Innerstes und machen den
Film zu einem bedrückenden Kammerspiel. Helen Buday mimt dabei die
verzweifelte Hausfrau, die ihrem Mann den qualvollen Identitätsverlust, den
sie hinnehmen musste, heimzahlt. Vor der Kamera geht sie dabei vollkommen
auf und gibt sich sowohl von ihrer zerstörten, erniedrigten, wie auch von
ihrer unberechenbar-intelligten Seite. Auch Gary Sweet muss man für sein
exzellentes Schauspiel Respekt zollen. Zuerst zeigt er sich unnahbar und
über den Dingen stehend, später vollzieht er einen sichtbaren Wandel zum
vollkommen zerstörten und geläuterten Ehemann. Auch er geht dabei aufs
Ganze und zeigt sich, ebenso wie wie Helen Buday, vollkommen nackt und mit
dem Mut zu höchsten Emotionen.
"Alexandra's
Project" ist ein Film, der gerade aufgrund seiner bodenständigen
Authentizität und seiner schlichten Aufmachung zutiefst verstört. Ein
nachvollziehbarer, ehrlicher und realistischer Film, der einen die Ehe in
einem völlig neuen Licht sehen lässt und der viele Ansätze beinhaltet,
die man so aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Ein Thriller der
besonderen Art, den man sich durchaus ansehen sollte - wenn auch eher nicht
mit seinem Ehepartner.
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