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"Cannibal"
ist ein überaus kontroverser Film und ich bin froh, dass ich ihn selbst mal
sehen konnte. Während ich dies tat stauten sich in mir zahlreiche
Eindrücke und am Ende ließ mich Marian Dora's mit einer zweigeteilten
Meinung zurück. Eines jedenfalls ist absolut sicher: "Cannibal"
ist kein massenverträglicher Film, er ist pures Gift für den gewöhnlichen
Mainstreamkonsumenten. Dora, der hiermit seinen Debütfilm ablieferte,
verarbeitete klar ersichtlich die Geschehnisse um den Kannibalen von
Rothenburg Armin Meiwes. Im ersten Moment ruft dies natürlich Erinnerungen
an Martin Weisz' "Rohtenburg" wach, der in Deutschland verboten
wurde, doch genauer betrachtet handelt es sich um zwei grundverschiedene
Filme. Während "Rohtenburg" für ein größeres Publikum gedreht
wurde, ist "Cannibal" anstößigstes Independent-Kino ganz im Stil
eines Jörg Buttgereit.
Die Aufmachung des Films ist, um es in einem Wort festzuhalten, sehr simpel.
Der Kostenpunkt des Ganzen hat laut des Regisseurs im unteren, vierstelligen
Bereich gelegen und das sieht man "Cannibal" auch an. Der hier
angewandte Stil dürfte die Zuschauer sicherlich spalten und sowohl Aussagen
wie "langweilig", als auch "künstlerisch" hervorrufen.
Es wird in "Cannibal" kaum gesprochen, im ganzen Film sind maximal
10 Sätze zu hören. So ist das Gezeigte oftmals sehr ruhig, insbesondere im
ersten Viertel. Unspektakulär sehen wir einen gewöhnlichen Mann, der durch
eine typische Deutsche Stadt schlendert und sich am Bahnhof mit einem
anderen Mann trifft. Schnitt. Der Mann geht nach Hause, chattet, sucht nach
einem Gleichgesinnten. Keine Dialoge und kaum Musik untermalen diese
Szenarien. Auch die Kamera hält stets statisch auf das Geschehen drauf.
Langeweile entsteht jedoch nie, denn eine pessimistische, düstere
Grundstimmung ist bereits jetzt vorhanden.
Im weiteren Verlauf des Films entsteht zu keiner Sekunde Spannung, da man
als Zuschauer immer weiß, was passieren wird. Der Mann trifft sich mit dem
Fleisch, die beiden tauschen zuerst Zärtlichkeiten aus, bevor dann der
eigentliche Grund des Treffens gezeigt wird. Die Schlachtung und Verzehrung
des Fleisches. Die Inszenierung ist dabei immer klar als aus dem
Amateursektor stammend zu bemerken, doch für ein derart geringes Budget hat
Marian Dora erstaunlich viel aus seinen Möglichkeiten gemacht.
"Cannibal" hat nichts mit den peinlichen Gehversuchen junger
Amateurfilmer gemeinsam, die sich mit dem selbst zusammengesparten Geld an
einem Blutspritzfilmchen versuchen wollen, er wirkt sehr viel
professioneller, gekonnter. Die bereits erwähnten Parallelen zu Buttgereit
sind dabei nicht von der Hand zu weisen: Die Lokations, insbesondere das
Haus des Mannes, wirkt einsam und unmenschlich. Wenig Licht erleichtert die
Sichtverhältnisse, überall findet sich Schmutz und Verwesung. Fette
Spinnen und sonstiges Ungeziefer krabbelt an den Wänden entlang.
Inmitten dieser abstoßenden, kalten Umgebung finden zwei Seelen zueinander,
die eine höhere Macht scheinbar zusammengeführt hat und die ein inneres
Bedürfnis verbindet. "Cannibal" erklärt die Hintergründe der
Menschen in keinster Weise. Von "dem Fleisch" erfahren wir nur,
dass er aus Freiburg stammt, während wir einige winzige Ausschnitte aus der
Jugend des "Mannes" sehen. Die körperliche Nähe, die die beiden
Männer eingehen wird dabei, ebenso wie die spätere Gewalt, in aller
Genauigkeit gezeigt. Das Fleisch und der Mann spielen nackt im Garten,
liebkosen und küssen sich, haben Sex. Das alles wird so gezeigt, das
homophobe Menschen sicherlich angewidert ihren Blick abwenden werden und
Erinnerungen an einen Softporno wach werden. An dieser Stelle aber ein Lob
an die beiden Hauptdarsteller, die im Film fast zu 70% nackt zu sehen sind
und viele unangenehme Aufnahmen über sich ergehen ließen.
Sobald es in "Cannibal" dann ans Eingemachte geht, zeigt sich
deutlich, wieso der Film in diversen Kreisen so schnell von sich reden
machte. Marian Dora zeigt derart viele Anstößigkeiten, dass es zart
besaiteten Zuschauern sehr schnell den Magen umdrehen dürfte. Die gesamte
zweite Hälfte des Films handelt von der Tötung, Schlachtung und
Verspeisung eines Menschen und dies wird in jedem noch so grausamen Detail
gezeigt. Wenn etwa in Nahaufnahme zu sehen ist, wie der Mann dem Fleisch
langsam den Penis abzubeißen versucht, dann ist dies nur der Auftakt für
einen perversen Ekelmarathon. Sämtliche Körperflüssigkeiten fließen in
Strömen, Gedärme werden entnommen und der Körper des Getöteten
fachgerecht zerlegt. Dies spielt sich alles in einem dunklen Kellerraum ab,
was für eine absolut deprimierende, verstörende Atmosphäre sorgt. Mir
persönlich hat "Cannibal" nicht auf den Magen geschlagen, doch
für alle zart besaiteten Zuschauer spreche ich eine strengste Warnung aus.
Wenn man "Cannibal" als Film an sich betrachtet dann ist er
definitiv langweilig, das kann nicht geleugnet werden. Er bietet keine
Unterhaltung im eigentlichen Sinn, vielmehr eine Verfilmung dessen, was sich
so tatsächlich abgespielt hat. Viele Stellen ziehen sich sehr dahin, die
Höhepunkte im Film sind die Gewaltszenen. Wer schon einiges an Splatter
gesehen hat, wird sich von diesen nicht mehr schockieren lassen und wartet
vergeblich auf den angekündigten Schlag in die Magengrube. Was man
"Cannibal" jedoch lassen muss, ist, dass Marian Dora hiermit etwas
sehr eigenständiges, düsteres geschaffen hat und die Akteure ihre Sache
beide sehr glaubwürdig machen.
"Cannibal" ist nicht der überragende Film, den ich erwartet habe,
doch dies muss relativ betrachtet werden. Es handelt sich hierbei um eine
kostengünstige Independent-Produktion, und gemessen an den begrenzten
Möglichkeiten des Regisseurs wurde noch das Beste herausgeholt. Für
schwache Nerven ist der Streifen in keinster Weise geeignet, er stellt in
brutalster Härte die Tötung und Schlachtung eines Menschen dar und spart
dabei kein Detail auf. Dennoch möchte ich nicht verschweigen, dass
"Cannibal" mich an manchen Stellen schon langweilte, was zu einer
mittleren Gesamtwertung führt. |