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Wohl kaum ein
Kriminalfall der Geschichte hat die Menschen bis heute so bewegt
und gleichsam auf schauerliche Weise fasziniert wie der des
„Jack the Ripper“. Einem Phantom gleich, versetzte er im
Herbst 1888 durch blutrünstige Frauenmorde die Stadt London in
Angst und Schrecken. Gefasst wurde er nie. Bis zum heutigen Tag
bietet die ungeklärte Identität des Täters besten Nährboden für
Mythen und Spekulationen, für Romane und nicht zuletzt zahlreiche
Filme.
Als Regisseur
John Brahm sich 1944 mit seinem „The Lodger“ des Themas
annahm, war er damit bei weitem nicht der erste Filmschöpfer, der
auf den Spuren des Rippers wandelte. Allerdings kann seine Version
ohne weiteres als einer der besten Beiträge des Genres angesehen
werden. Zu glanzvollen Zeiten des 40er Jahre Horror-Films in den
Studios der 20th Century Fox entstanden, bietet „The Lodger“
ein Paradebeispiel klassischen, gothischen Grusels.
John Brahm’s
Werk lehnt sich an die 1913 erschienene, gleichnamige Novelle von
Marie Belloc Lown an und setzt dabei nicht auf die Frage nach dem
Täter, sondern auf die Spannung, die sich aus der für den
Zuschauer, nicht aber für die Personen der Handlung bekannten
Situation heraus ergibt. Alfred Hitchcock, der sich ebenfalls
bereits 1927 mit einer Stummfilm-Variante der Novelle die Ehre
gab, prägte hierfür den Begriff „Suspense“.
Bei „The Lodger“
ist die Identität des Rippers von vornherein offensichtlich: Mr.
Slade - Ein freundlicher, wenn auch etwas seltsamer Untermieter,
Arzt, mit Abneigung gegenüber Schauspielerinnen und besonderem
Interesse für die Nachrichten über den Fall des Rippers.
Brahm lässt den
Zuschauer also nicht im Ungewissen, sondern lässt ihn mit den
Sympathieträgern mitfiebern und baut ganz auf Spannung. Und
Atmosphäre! Die Bühnenkulissen mit ihren Gaslaternen
beleuchteten, von Nebel durchzogenen Gassen ziehen magisch in
ihren Bann. Der damaligen Zensur getreu, beschränkt sich die
Darstellung von Gewalt auf ein dezentes Minimum und ist praktisch
nur angedeutet. Auch dem Sitten- und Moralverständnis in den
1940er Jahren musste offensichtlich Genüge getan werden: Aus
Prostituierten, wie sie der Ripper in der Realität mordete,
machte das Drehbuch kurzerhand „Schauspielerinnen“.
Was den John
Brahm’s „Scotland Jagd greift ein“, so der deutsche
Kino-Titel, aus der Fülle aller „Jack the
Ripper“-Verfilmungen herausragen lässt, ist die großartige
Darbietung von Laird Cregar in der Rolle des Mr. Slade, des
offensichtlichen Mörders. Der Hüne mit der sanften Stimme und
dem melancholischen Blick verleiht seiner Rolle eine
beeindruckende Intensität. Wehmut und Wahnsinn, gefangen in einer
Person.
Laird Cregar, der
als Mr. Slade einen Mann mittleren Alters spielt, war zur
Entstehung des Films gerade 30 Jahre alt. Nur ein Jahr später
starb der außergewöhnliche Mime an einem Herzinfarkt als Folge
einer radikalen Abmagerungskur.
Als Widersacher
steht ihm hier George Sanders als Kommissar gegenüber, der
Horror-Fans sicher auch durch seine späteren Filme wie „Das
Dorf der Verdammten“ (1960) oder „Der Frosch“ (1972) bekannt
sein dürfte.
Während manche
Kritiker bei „Kitty“-Darstellerin Merle Oberon einige Defizite
bei Gesang und Tanz ausmachen konnten, steht die Leistung von Sir
Cedric Hardwicke („The Ghost of Frankenstein“, 1942) einmal
mehr außer Frage.
„The Lodger“
ist ohne Zweifel ein Meilenstein des Horror-Kinos.
Vielleicht mag
der Film für heutige Sehgewohnheiten und gerade auch angesichts
moderner, action- reicherer „Jack the Ripper“-Verfilmungen
etwas altbacken erscheinen. Jedem Filmfan, der einer Reise zurück
in die Filmgeschichte nicht abgeneigt ist, sei dieser Film dennoch
wärmstens empfohlen. Für Freunde klassischer Filmkunst ist „The
Lodger“ ohnehin Pflichtprogramm… |