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Die
Thematik des selbstverletzenden Verhaltens (SVV) ist ein durchaus heißes
Eisen, da viele Menschen davon betroffen sind. Die Bestrafung des eigenen
Körpers aufgrund von Borderline und darin mündenden Autoaggressionen oder
in Folge von starken Depressionen und Minderwertigkeitsgefühlen ist ein
aktuelles Thema, unter dem viele Menschen leiden. Dennoch gibt es
erstaunlich wenig Filme darüber, von allzu selbstzwecktaften
Splatterproduktionen à la "Guinea Pig: He Never Dies" natürlich
mal abgesehen. Nun nahm sich die heute 35 jährige Französin Marina de Van
im Jahr 2003 des Ganzen an und schuf als Drehbuchautorin, Regisseurin und
Hauptdarstellerin zugleich den Film "Dans ma peau" oder auch
"In My Skin", der die Selbstverstümmelungs-Obsession einer mit
beiden Beinen im Leben stehenden Frau zum Thema hat. de Van war auch zuvor
schon als Regisseurin aktiv, konnte aber mit keiner ihrer Produktionen für
viel Bekanntheit sorgen, sondern machte sich eher als Schauspielerin einen
Namen.
"In My Skin" betreibt keineswegs oberflächlichen Ekel-Voyerismus,
sondern geht in seiner Darstellungsweise im wahrsten Sinne unter die Haut.
Marina de Van konfrontiert ihr Publikum mit einem Drama, einem blutigen in
der Tat, das zum Nachdenken verleitet und nicht einfach so nebenbei gesehen
werden kann. Es ist die Frage nach dem Warum, die hier über allem im Raum
schwebt und den ganzen Film über nicht beantwortet wird. Man erfährt
nicht, wieso sich eine gutaussehende, die Karriereleiter nach oben
kletternde Frau derart selbst verletzt und verstümmelt. Es wird allgemein
nicht viel erklärt, die Kunst ist es vielmehr, sich die Antworten aus dem
Ungesprochenen zu suchen, zwischen den Zeilen zu lesen. "In My
Skin" kann nur dann funktionieren, wenn man ihn nicht als Ekelmarathon
oder stumpfe Blutorgie betrachtet, denn ein solches Werk abzuliefern war
sicherlich nicht die Intention Marina de Van's.
In erster Linie ist der Streifen eine Charakterstudie erster Güte, die
einem unvermittelt eine etwa 30 jährige Frau präsentiert und in deren
Gefühlswelt eintauchen lässt. Wir erfahren über Esther nur das Nötigste.
Sie scheint ein Workaholic zu sein, die Tag und Nacht für ihre Arbeit lebt,
welche viel von ihr fordert. Ihr Lebensabschnittsgefährte Vincent ist
beruflich erfolgreich und gutaussehend, findet aber keinen Zugang zu Esther.
Die Beziehung der Beiden scheint eher körperlicher, als platonischer Natur
zu sein. So lässt sich nur erahnen, was Esther dazu treibt, nach ihrer
Beinverletzung einen Wundenfetisch zu entwickeln, der sie in eine völlig
neue Welt einführt. Blut und Schmerzen scheinen Esther zu befreien und zu
erregen, wie eine Droge zur Abhängigkeit zu verleiten. So verletzt sich
Esther immer häufiger und heftiger, in einer eindrucksvollen Szene des
Films sogar mit Messer und Gabel still und heimlich während eines
Geschäftsessens.
"In My Skin" ist durchaus keine leichte Angelegenheit für den
Zuschauer, will dies aber auch gar nicht sein. Wer sich ein reines
Splattermovie erhofft, darf sich nach einem anderen Film umsehen, denn
Marina de Van's Werk lebt nie vom Effekt allein. Zugegeben: Es ist schon
recht heftig, wenn Esther Stücke aus ihrem Fleisch herausschneidet, ihr
eigenes Blut erregt auf dem ganzen Körper verteilt oder sich immer wieder
spitze Gegenstände in die Haut sticht. Zur selbstzwecktaften Effektparade
verkommt der Film aber nie. Selbst dann nicht, wenn sich Esther ein Stück
eigene Haut konservieren lässt und sich angeregt an diesem reibt.
Der Film ist viel zu ruhig und überlegt, um als Horrorfilm durchzugehen, es
passiert im kompletten Filmverlauf beinahe Nichts, was Spannung aufbauen
würde. Der Streifen lebt von der zentralen Figur Esther, die in vielen
Facetten beleuchtet wird, letztendlich aber immer noch ein Rätsel bleibt.
Geklärt wird das Warum letztendlich nicht, man kann sich nur selbst damit
befassen und die Frage individuell für sich beantworten. Für viele ist
"In My Skin" deshalb auch nur ein langweiliges, undurchschaubares
Stück Film, und diese kritischen Stimmen kann man durchaus verstehen.
"In My Skin" ist wohl nur für ein kleines Publikum geeignet und
dürfte insbesondere Mainstream-Konsumenten schwer im Magen liegen. Nicht
nur wegen den reichlich blutigen Szenen, sondern vor allem aufgrund der
belastenden, schwermütigen Inszenierung. Szenen aus Esther's Alltag
vermischen sich immer mehr mit puren Selbstzerstörungsorgien, die
irgendwann in ein Fragen aufwerfendes, nicht ganz eindeutiges Ende
hineinlaufen.
Die Obsession zur Verunstaltung des eigenen Körpers, der Bestrafung des
eigenen Fleisches, wird von "In My Skin" in überzeugenden Bildern
festgehalten. Der Streifen wirkt durch ein glanzvolles Intro und eine edle
Optik absolut nicht wie ein auf Blut ausgelegtes B-Movie. Stilmittel wie
Splitscreens und dergleichen runden das Ganze ab.
Marina de Van hat die richtige Entscheidung getroffen, sich neben der
Inszenierung des Films auch für die Hauptrolle zu verantworten, denn ihre
Darstellung der Esther überzeugt auf ganzer Linie. de Van agiert nicht
oscarverdächtig, doch sie bringt die Frau, die ihre Neigung zur
Selbstverstümmelung entdeckt, glaubhaft rüber, spielt nicht over the top,
sondern stets ruhig und bedacht. Während sie sich mit spitzen Gegenständen
Schmerzen zufügt ruht die Kamera oftmals statisch auf Marina de Van's
Gesicht und dabei ist ihre Mimik so real, dass man den Schmerz, den sie
spüren muss, schon beinahe selbst fühlen kann.
Eine leichte Angelegenheit ist "In My Skin" definitiv nicht, doch
das ist auch gut so. Ob allerdings ein Zugang zu dem schwermütigen und
erschütternden Werk gefunden werden kann ist eine subjektive Frage, denn
Filme wie dieser werden von jedem anders aufgefasst. Wer sich für derartige
Streifen öffnen kann und ihnen nicht kritisch gegenübersteht, der wird mit
"In My Skin" eine blutige Charakterstudie erleben, wie es sie
heutzutage viel zu selten gibt. Ehrlich und nicht auf den bloßen Effekt
aus. Ein Meisterwerk hat Marina de Van hiermit aber dennoch nicht
abgeliefert. Unterhaltsam im eigentlichen Sinn ist der Film nicht und in
geselliger Runde wäre er wohl der optimale Stimmungskiller. Dennoch spricht
nichts dagegen, sich "In My Skin" zumindest mal auszuleihen. |