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Wir leben in einer Zeit, in der die Medien den
Menschen Gewalt als etwas Natürliches verkaufen. Der Tod wird zu etwas
Alltäglichem, mit dem uns die Schlagzeilen, Nachrichten und
Unterhaltungsprogramme regelrecht überfluten und uns so konstant abstumpfen
lassen. Nach und nach sind wir bereit, die schrecklichsten Geschehnisse
nicht nur hinzunehmen, sondern sie regelrecht an uns abprallen zu lassen.
Entführungen, Vergewaltigungen und Morde spielen sich schließlich immer
nur irgendwo in der weiten Welt ab, man selbst bekommt derartige Tatsachen
nur fragmenthaft ins Bewusstsein injiziert und hat so keinerlei Grund, die
Schonungslosigkeit der Realität näher als unbedingt notwendig an sich
herantreten zu lassen. Durch Filme wie "Saw" und
"Hostel" wird es Regisseuren neuerdings auch ermöglicht, zum
Mainstream zu sprechen und diesen durch immer härtere Gewaltexzesse im
Medium Film langsam gegenüber medialer Gewalt abstumpfen zu lassen. Doch es
gibt sie immer wieder, die inszenatorischen Meisterstücke, die die Gewalt
zurück auf ihren Kern führen und sie den Menschen in all ihrer
Hässlichkeit in die Erinnerung drängen. Filme wie beispielsweise Michael
Haneke's "Funny Games" oder Gaspar Noé's "Irreversible"
unterliegen nicht der Unterhaltung, sie sollen wachrütteln und schockieren,
gegebenenfalls mit äußerstem Nachdruck. 2007 erschien ein weiterer Film,
auf den sich eine derartige Umschreibung nahtlos übernehmen ließe und der
in seinem Willen zur Grenzüberschreitung bei vielen Zuschauern auf
Ablehnung oder Protest stoßen dürfte. Die Thematik von "Jack
Ketchum's Evil": Kindesmisshandlung in ihrer drastischsten Form.
Der Film behauptet von sich, auf wahren Begebenheiten zu beruhen - was in
diesem Fall, im Gegensatz zu unzähligen anderen Beispielen, bei denen diese
Werbe-Tagline einfach nur mehr Käufer anlocken soll, traurigerweise stimmt.
"The Girl Next Door", so der Originaltitel des Films, ist die
Adaption des gleichnamigen Romans des US-Schriftstellers Jack Ketchum, der
darin tatsächliche Ereignisse aufgriff, die sich so im Jahre 1965 in
Illinois abspielten. Nachdem ihre Eltern starben, kamen Sylvia Marie Likens
und ihre Schwester Jenny damals in die Obhut von Gertrude Baniszweski. Die
psychisch kranke Frau, die bereits viele eigene Kinder zu versorgen hatte,
entlud bald ihre ganze Frustration auf die beiden Mädchen, besonders auf
die 16 jährige Sylvia. Das Mädchen wurde in den Keller gesperrt, wo sie
alsbald entsetzlichen Qualen und Torturen ausgesetzt wurde. Gemeinsam mit
ihren eigenen Kindern und weiteren Jungen und Mädchen aus der Nachbarschaft
quälte Baniszewski die hilflose Sylvia aufs Brutalste, malträtierte das
Mädchen mit Schlägen, Tritten, heißen Nadeln und zwang sie sogar, Kot zu
essen und sich eine Glasflasche vaginal einzuführen. Nach einem
gescheiterten Fluchtversuch starb Sylvia im Oktober 1965 an den Folgen der
Folter. Der Fall sorgte nach seiner Aufdeckung für einen landesweiten
Aufschrei der Fassungslosigkeit, es kam die Frage auf, wie sich ein derart
schreckliches Verbrechen abspielen konnte, ohne dass jemand Verdacht
geschöpft hatte.
Ketchum's Roman hält sich zwar durchaus eng an diese Tatsachen, nimmt
jedoch auch einige Änderungen vor und transportiert das Geschehen zurück
ins Jahr 1958. Aufgrund des kontroversen Inhalts galt der Stoff natürlich
lange Zeit als unverfilmbar, bis sich der Filmemacher Gregory Wilson des
Romans annahm und ihn wohl in genau der richtigen Zeit in den Kasten
brachte. Während ein Großteil des Publikums mittlerweile langsam derart
gegenüber medialer Gewalt abgestumpft ist, wird es bei "Jack Ketchum's
Evil" wieder an seine Grenzen geführt - selbst die hartgesottensten
Allesseher oder Horrorfreaks dürften ihre Probleme damit haben, diesen
überaus eindringlichen Film ohne ein zutiefst mulmiges Gefühl in der
Magengrube zu überstehen. Für den unbedarften oder gar zart besaiteten
Filmkonsumenten hingegen ist das hier Gezeigte aber auf alle Fälle
ungeeignet, da Gregory Wilson sein Publikum mit Bildern konfrontiert, die
dieses so schnell nicht wieder abschütteln können werden.
Und dabei beginnt alles so harmlos. "Jack Ketchum's Evil" versetzt
uns zurück in das Amerika der 50er, dessen Flair der Streifen sehr
glaubhaft einzufangen vermag. Helle, freundliche Farben, gepflegte
Vorstadtgegenden und schöne Naturidyllen vermitteln das Flair einer
unbeschwerten Kindheit, keine Verunreinigungen scheinen dieses Bild zu
kontrastieren. Der Zuschauer lernt einige Kinder kennen, die gerade an der
Schwelle zur Pubertät stehen und langsam die eigene Sexualität entdecken,
was sich in, bis dato harmlosen, Wahrheit oder Pflicht Spielen im Wald
äußert. Es scheint eine normale, eine geschützte Welt zu sein, in der
diese Kinder aufwachsen, geleitet von den gefestigten Moralvorstellungen
ihrer Eltern. Die in der ganzen Nachbarschaft bekannte Ruth Chandler stellt
dazu jedoch einen Kontrast dar. Sie, eine Frau in ihren vierzigern, ist
Anlauf- und Treffpunkt der Kinder aus der Nachbarschaft und bietet ihnen
Gelegenheit, den Regeln ihrer Eltern zu entfliehen. Ruth raucht, trinkt und
flucht selbst, nimmt vor den Kindern kein Blatt vor den Mund und macht aus
ihren Launen keinen Hehl. Die Frau ist für die Kinder Vorbild und
Autorität in einem.
Schnell nimmt das anfangs farbenfrohe Gesamtbild einer heilen Welt die
Grundzüge eines Dramas an. Die 16 jährige Meg, die mit ihrer
gehbehinderten Schwester bei Ruth zur Pflege untergebracht ist, wird schnell
immer fieseren Schikanen ihrer Ziehmutter ausgesetzt. Es entwickelt sich
eine gefährliche Gruppendynamik gegen das neue Mädchen, die unbescholtene
und gutmütige Meg wird nicht nur zur Zielscheibe Ruth's, sondern auch deren
Kinder und kindlicher Anhänger. Nach und nach wird dem jungen Mädchen
jegliche menschliche Würde genommen, sie wird als dreckige und wertlose
Schlampe deklariert, die fortan im Zentrum der Verachtung steht. Das
Publikum verfolgt das Geschehen bereits gebannt, aufgebracht, kann nur
versuchen, sich eine Erklärung für das Geschehen auszumalen. Was treibt
Menschen dazu, einem anderen jegliche Würde abzusprechen und sich als
scheinbar übermächtige Kraft über diesen zu erheben?
Sobald Meg in den Keller gesperrt wird, nimmt "Jack Ketchum's
Evil" Formen der Diabolität und absoluten Menschenverachtung an, gegen
die Streifen wie der bereits genannte "Hostel" und ähnliche
Folter-Spielereien wie lächerliche Kinderunterhaltung wirken. Gregory
Wilson fährt ein wuchtiges Brett an schmerzenden, menschlichen Abgründen
auf, die einen unvorbereitet an einem wunden Punkt treffen, so manchen
Zuschauer vollkommen verstört zurücklassen werden. Der Unterschied zu
derzeit grassierenden Sado-Horrorfilmen liegt auf der Hand: Während diese
durch immer brutalere Gewalt-Wettbewerbe langsam an Glaubwürdigkeit
einbüßen, wird einem hier nichts anderes als die Realität vorgeführt.
Keine blutigen Gore-Schlachtereien. Stattdessen ein junges Mädchen, das
tagelang nackt in einen Keller gefesselt und dort von einer fanatischen
Frau, sowie den Nachbarskindern gequält, verletzt, erniedrigt und
vergewaltigt wird. "Jack Ketchum's Evil" geht dabei nie so weit,
gezielt auf ausufernde Gewalt zu setzen, vielmehr deutet er die grausamsten
Geschehnisse, wie das Verstümmeln weiblicher Genitalien mit einem
Bunsenbrenner, lediglich an und lässt sie somit im Kopf des Zuschauers
abspielen. Doch gerade damit erreicht Gregory Wilson das eigentliche Ziel:
Manch einer wird bei dem Gezeigten mit den Tränen kämpfen, viele andere
mit dem Gedanken spielen, den Film abzubrechen und der Tortur eine Ende zu
bereiten. Gleichzeitig verbreitet "Jack Ketchum's Evil" jedoch
auch eine unglaublich intensive Sogwirkung, die einen bis zum bitteren Ende
an die grausame Geschichte fesselt.
Dieser Film provoziert, schockiert und wird den meisten noch lange
nachgehen. Dennoch wäre es falsch, die mitunter negativen Gefühle, die
dabei entstehen können, gegen den Film selbst zu richten. Bedacht werden
sollte dabei, dass es sich hierbei um nichts anderes als die Verfilmung
einer wahren Tat handelt, was wieder einmal beweist, dass das Leben selbst
die grausamsten Geschichten schreibt. Filme wie "Jack Ketchum's
Evil" erinnern uns daran, dass es sich nicht nur um irgendwelche Namen
handelt, wenn in den Nachrichten mal wieder von entführten Kindern zu
hören ist, sondern um Menschen, deren Leben durch ein kleines Ereignis für
immer aus der Bahn geworfen und zerstört wird. Der Streifen zeigt dabei
nichts anderes als eine schonungslose Nahaufnahme eines derartigen
Missbrauchsopfers, dem wir innerhalb von 90 Minuten durch ihre schreckliche
Tortur folgen und dabei wohl nur erahnen können, wie in derartiges Gefühl
über Stunden, Tage oder Wochen ausgebreitet wirken mag.
Aus rein inszenatorischer Sicht ist dabei nichts zu bemängeln. Der Filmcrew
stand offensichtlich kein immens hohes Budget zur Verfügung, dennoch stört
man sich daran zu keinem Zeitpunkt. "Jack Ketchum's Evil" baut
eine wesentlich intensivere Atmosphäre als viele ähnlich gelagerte
Machwerke seiner Art auf und braucht dazu auch keine Starbesetzung. Blythe
Auffarth, bekannt aus vielen Serien, schafft es, die Leiden der hilflosen
Meg absolut glaubhaft erscheinen zu lassen und reißt sofort die Sympathien
des Publikums an sich. Sie ist das typische heranwachsende Mädchen, das der
Gewalt, die ihm plötzlich entgegengebracht wird, nichts entgegenzusetzen
hat und bei allem nur den Schutz ihrer kleinen Schwester im Sinn hat. Dem
gegenüber steht Blanche Baker, die mit ihrem Charakter Ruth ein absolutes
Monster schuf, dem man irgendwann nur noch mit Hass begegnet. Obwohl ein
großer Teil des Casts aus Kindern oder Jugendlichen besteht, machen alle
ihre Sache sehr souverän und überzeugend.
Das Drama "Jack Ketchum's Evil" entführt den Zuschauer zu einem
absolut intensiven und verstörenden Horrortrip, dem man zuerst nur mit
Fassungslosigkeit begegnen kann und das auf jeden Fall einer Aufarbeitung
des Gesehenen bedarf. Der Film überschreitet, vor allem dadurch, dass die
darin gezeigten Schandtaten und Gewaltakte an Kindern ausgeübt und von
diesen durchgeführt werden, viele Grenzen und Konventionen und dürfte so
manchen an dessen persönliche Grenze des Zumutbaren führen. Gregory Wilson
schafft es, eine unheimlich beklemmende und zugleich spannende Spirale des
Abstoßenden und Provokanten so zu zeigen, dass man dem Film für seine
grundehrliche Überlieferung einer wahren Tat nur Respekt zollen kann. Wer
mit starken Nerven ausgestattet ist, sollte "Jack Ketchum's Evil"
definitiv eine Chance geben. |