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Die beiden jugendlichen Waisen Henriette und
Louise sind der ganze Stolz der Schwester Oberin des katholischen
Waisenhauses. Mit besonderer Fürsorge kümmert sie sich um die beiden
bildhübschen Mädchen, denn schließlich sind sie blind und scheinbar
völlig hilflos. Doch ist dieses nur tagsüber der Fall. Des nachts nehmen
die beiden Mädchen als Vampire ihre Umwelt in blauem Farbton war und
können sich somit unbeschwert bewegen, die am Tage für sie verborgene
Schönheit der Umgebung, vornehmlich Friedhöfen, genießen und natürlich
ihren Blutdurst stillen. Auf ihren Reisen durch die Dunkelheit begegnen sie
dabei verschiedenen Kreaturen der Nacht und philosophieren über ihre eigene
Herkunft und ihre Daseinsfunktion im Universum.
Als sie von einem Augenarzt zur näheren Untersuchung in dessen Haus
einquartiert werden und dieser kurze Zeit später für einige Tage verreist,
erfahren sie neue Art von Freiheit, da sie ihre nächtlichen Ausflüge
ausdehnen können. Da sie die nun liebgewonnene Selbstständigkeit nicht
ohne weiteres wieder hergeben wollen, kommt es bei der Rückkehr des Arztes
zu einer Katastrophe... |
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Der Vorspann mit seinen mittelalterlich
Gemälden und sinnlich schönen, dennoch düsteren Musik, weckt sicherlich
sofort die Neugier eines jeden, v.a. vampiristisch angehauchten Horror-Fans,
und lässt, angesichts des für seine Vampirotik-Filme bekannten Regisseurs
Jean Rollin einen Gothic-Vampir-Film mit reichlich Sex und Gewalt erwarten.
Doch weit gefehlt:
Bei TWO VAMPIRE ORPHANS handelt es sich weniger um einen Grusel- oder
Horrorfilm, als vielmehr um ein melancholisches Drama, bei dem das Motiv der
Dualität des Vampirlebens sehr interessant und innovativ abgewandelt wird.
Beschränkte sich das Dasein von Vampiren in bisherigen Verfilmungen
aufgrund der Unverträglichkeit von Sonnenlicht auf ein Leben in der Nacht,
so geben die beiden hier dargestellten Vampir-Waisen dem oftmals in Bezug
auf den Vampir verwendeten Begriff „Geschöpf der Dunkelheit“ eine
völlig neue Bedeutung: Die beiden Titelfiguren existieren ganztägig jedoch
stets nur in Dunkelheit. Tagsüber aufgrund von Blindheit (Dunkelheit) in
ihrem Dasein beeinträchtigt, können sich die beiden Vampirinnen des Nachts
unter Rückgewinnung ihres Sehvermögens dann frei entfalten.
JEAN ROLLIN’S VAMPIRE (der deutsche Titel, sicherlich extra für den
08/15-Horror-Fan in Anlehnung an „John Carpenter’s Vampire“ gewählt,
ist mal wieder ein typisches Beispiel für die kommerzielle Neukreation
eines Titels, auf Kosten des viel bezeichnenderen Original-Titels) lebt in
erster Linie von der grandiosen schauspielerischen Leistung seiner beiden
wunderschönen Hauptdarstellerinnen. In ihren weißen Nachthemden tänzelnd
über die Gräber des Friedhofs laufend, verkörpern sie den Inbegriff des
weiblichen Vampirs, könnten so jedoch auch einer David Hamilton-Verfilmung
entsprungen sein.
Einen besonderen Respekt muss man Isabelle Teboul und Alexandra Pic zollen,
wenn sie auswendig ihre ellenlangen philosophischen Texte oftmals im
Wechselspiel in ein und derselben Kameraeinstellung ohne jegliche Schnitte
vortragen. Das hat schon wirklich etwas von theatralischen Gedichtvorträgen
auf höchstem Niveau. Auch inhaltlich und stilistisch überzeugen die
Dialoge auf weiter Linie. Wenn sie als Geschöpfe der Dunkelheit z.B. über
ihre Herkunft und vermeintliche Relation zu aztekischen Göttern
philosophieren, strotzen diese Passagen nur so voller Metaphern (z.B. zum
Thema Blut).
Insgesamt bedient sich Jean Rollin auch bei der Umsetzung seines
literarischen Stoffes (The Two Vampire Orphans ist die Verfilmung eines
Teils seines fünfteiligen Zyklus über die beiden Vampirweisen Henriette
und Louise) einer Vielzahl an künstlerischer Elemente und Stilmittel (die
Blauunterlegung im Kontrast mit anderen, grell betonten Farben erinnert in
einzelnen Szenen mitunter an die Farbexperimente Dario Argentos, z.B. in
SUSPIRIA), die jedoch mitunter auf den Normalkonsumenten als Kitsch oder gar
Klamauk wirken dürften. Insbesondere die Darstellung der „Geschöpfe“
der Nacht, eine Werwölfin, ein weiblicher Ghoul, allen voran aber eine
Vampirkönigin im Abendkleid mit Fledermausflügeln erweckt mitunter eher
Assoziationen an den „Cirque des Soleil“, als an einen Horror-Film...
Für tiefgründige Analysen dürfte der Film jedoch eine Menge Stoff
liefern.
Im Gegensatz zu seinen anderen thematisch ähnlich gelagerten Streifen um
weibliche Vampire, bietet Jean Rollin in diesem Werk nur ein Minimum an
nackter Haut oder expliziter Gewalt. Die Szenen sexueller, homoerotischer
Darstellung, wie für Filme dieses Genres ja fast obligatorisch,
beschränken sich hier eher auf Anspielungen, verfehlen aber gerade durch
ihren dezenten Einsatz ihre Wirkung nicht, sondern verstärken diese sogar
noch. Gleiches gilt für die für einen Vampirfilm relativ blutarmen
Gewaltszenen. Diese sind ebenfalls (mit Ausnahme eines Messerstichs) nur
angedeutet. Da sie zudem teilweise stark theatralisch übertrieben
dargestellt sind, ist der Verzicht auf explizite Gewalt seitens Rollin wohl
weniger auf das geringe Budget zurückzuführen, sondern liegt wohl eher
daran, dass der Regisseur das Hauptaugenmerk auf den erzählerischen und
dramatischen Part der Geschichte selbst lenken möchte.
Leider krankt die Umsetzung der wenigen Effekt-Szenen dann allerdings an dem
wohl sehr eng bemessenen Budget, sodass das Ganze in manchen Szenen
schlichtweg billig wirkt. Die ohnehin spärlich in Szene gesetzten Effekte
sind wirklich unterstes Amateur-Niveau. Da bewegt sich der „tote“ Hund
mit aufgeklebter Bisswunde, für die Herrichtung einer „verwesten Leiche“
diente anscheinend eine schwarz angemalte Schaufensterpuppe mit angeklebten
Haaren und Zähnen... Da diese jedoch ohnehin eher als schnödes,
unvermeidbares Beiwerk anzusehen sind, lässt sich über diese Mängel
jedoch leicht drüber hinwegsehen.
Jean Rollin hat allerdings mit der Auswahl seiner Schauplätze auch diesmal
wieder ein glückliches Händchen bewiesen. So hat er für die Dreharbeiten
u.a. einen in Frankreich real existierenden, imposanten Friedhof mit
majestätischen Grabmalen und Statuen aufgetan, der jedoch leider im Film
sehr kurz und auch nur ausschnittsweise zu sehen ist.
Erschreckend allerdings der Kurz-Auftritt von Brigitte Lahaie. Frankreichs
Porno-Actrice der 70er Jahre scheint in die Jahre gekommen zu sein und sieht
trotz Make-Up derart verlebt aus, dass man den Glanz ihrer frühen Tage nur
schwerlich erahnen kann.
Insgesamt gesehen ein ziemlich zwiespältiges Teil: Fans von herkömmlichen
Horror-Filmen werden sicherlich sehr schnell abschalten, Freunde des etwas
künstlerischen und lyrischen Horrors dürften begeistert sein.
Für Rollin-Fans ist der Film ohnehin Pflichtstoff!!! ;-) |