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Für gewöhnlich bin
ich einer von den Horrorfilmfans, denen ein blutiger US-Horrorfilm
wesentlich lieber ist als ein subtiler Gruselschocker aus den östlicheren
Gefilden. Bis auf die Werke von Takashi Miike, das Meisterwerk "Battle
Royale" und einige Undergroundproduktionen konnte mich bislang noch
kein Streifen dieser Art richtig in seinen Bann ziehen. Dank "Ab-Normal
Beauty" kann ich dieser kleinen Liste nun aber noch einen mehr als
genialen Thriller
hinzufügen, der mich wirklich nachhaltig begeistert hat. Verantwortlich
hierfür waren die "Pang Brothers", wie sie sich selbst nennen,
Oxide Pang Chun und Danny Pang, die auch schon den überaus erfolgreichen
Horrorfilm "The Eye", sowie dessen Nachfolger inszenierten. Mit
"Ab-Normal Beauty" allerdings versuchten sich die Beiden an etwas
neuem, denn so richtig lässt sich dieser Streifen nicht in die Welle
ostasiatischer Horrorschocker einfügen, was wir hier haben ist etwas
anderes.
"Ab-Normal
Beauty" lässt sich in seinem Aufbau in zwei Teile gliedern. Da hätten
wir die erste Hälfte, in der wir die beiden Hauptcharaktere Jin und Jas
kennen lernen, die beide Kunst studieren. Durch einen tragischen Unfall, von
dem Jin zufällig Zeuge wird, ist die junge Frau fortan vom Tod fasziniert,
was sie beinahe zu Grunde gehen lässt. Nachdem dies überwunden ist, meint
man schon, der Film könnte ein Happy End nehmen, doch so einfach machen es
uns die Pang Brothers dann doch nicht. Die zweite Hälfte macht nämlich
eine plötzliche Kehrtwendung und präsentiert sich als knallharter
Horrorthriller voller Spannung und grausamer Brutalität, die in ihren
Grundtönen stark an Eli Roth's "Hostel" erinnert.
Obwohl diese
Unterteilung in quasi zwei verschiedene Filme sicherlich verwirrend klingen
mag, so macht es durchaus Sinn, wenn man sich "Ab-Normal Beauty"
ansieht. So wird man nämlich schnell bemerken, dass dies kein typischer
Film aus der Sparte Thriller ist, im Gegenteil. Der Streifen wartet mit
einem unglaublich schönen, künstlerischen Unterton auf, der mich absolut
begeistern konnte. Die Pang Brothers beweisen dabei in der ersten Hälfte
ein bemerkenswertes Gespür für harmonische Bildästhetik. So sehen wir Jin
und Jas unter anderem dabei, wie sie unter prachtvollen, wunderschön
grünen Bäumen stehen und diese mit ihrer Kamera festhalten und viele
solcher Szenen mehr. In diesen Momenten strahlt "Ab-Normal Beauty"
eine unglaubliche Ruhe und Sanftmut aus, der wir noch des öfteren im Film
begnen werden. Trotz seiner Spannung und seiner bedrückenden Atmosphäre
vergessen die Pang's nie das künstlerisch schöne in jedem einzelnen
Augenblick festzuhalten, was mich sehr begeistert hat.
Ausschlaggebend,
dies verwirklichen zu können, war ein Budget, dass das von "The
Eye" deutlich übersteigen durfte. Die finanziellen Mittel flossen
deutlich merkbar in Kamera und Schnitttechnik, so dass wir des öfteren mit
komplexen Bilderfluten und eindrücklichen Ansichten belohnt werden.
"Ab-Normal Beauty" wird in seinen verstörenden Szenen von einem
unterkühlten, dunklen Look dominiert, der sich dem Geschehen stets anpasst
und es perfekt untermalt. Auch die Musik weiß hier absolut zu überzeugen
und kommt sowohl mit spannungsgeladener, dramatischer Musik, als auch mit
klassischen Momenten daher.
Obwohl ich
"Ab-Normal Beauty" nicht als Kunstfilm bezeichnen würde, hat er
einen nicht unwesentlichen, künstlerischen Anspruch, was sich sehr positiv
auf den ganzen Film auswirkt. So erleben wir die Veränderung Jin's und ihre
neue Vorliebe für den Tod in deprimierenden Bildern mit, die man so schnell
nicht wieder los wird. Wie besessen fotografiert Jin die Schlachtung
zahlreicher Hühner bei einem Metzger, macht Aufnahmen verwesender Tiere,
die sie auf der Straße findet und fertigt blutgetränkte Zeichnungen an.
Obwohl dies großteils ohne vermerkbare Höhepunkte auskommt, gelingt den
Machern hier ein Spannungsaufbau, der seinesgleichen sucht. Man ist
regelrecht gefesselt von den düsteren Bilderfluten, die in ihrer komplexen
Aufmachung auf einen niederprasseln und einen regelrecht erstaunen lassen.
Sehr beeindruckt hat mich auch die Szene, in der Jin mit dem Gedanken
spielt, sich von einem Balkon im 10. Stock zu stürzen. Hier wird die
Dramatik des Augenblicks so sehr mit wirren Kamerafahrten, unheilvoller
Musik und Rückblenden auf Jin's traurige Vergangenheit vermischt, dass mir
im Sekundentakt eine Gänsehaut nach der anderen kam.
Der Kernpunkt des
Geschehens scheint ein lange Zeit unterdrücktes Kindheitserlebnis von Jin
zu sein. Im Alter von höchstens sieben Jahren wurde sie von ihrem Cousin
und seinen Freunden gegen ihren Willen ausgezogen und am ganzen Körper
angefasst, was sie nie so ganz verarbeiten konnte. Ihre Mutter hat ihren
Anschuldigungen gegen ihren Cousin damals keinen Glauben geschenkt und sie
zur Strafe geschlagen, daraus resultiert eine tiefe Abneigung gegen alle
Männer. Obwohl Anson aus dem Kunstunterricht sie liebt und des öfteren mit
seiner Kamera filmt, kann sich Jin aufgrund der nicht verarbeiteten
Ereignisse nicht auf ihn einlassen und stürzt sich nur noch mehr in die
Welt des Todes, die sich ihr erschlossen hat.
Nachdem diese Hürde
genommen ist und Jin geheilt scheint, macht sich beim Zuschauer schon wieder
ein Gefühl der Zufriedenheit breit. Das Schlimmste ist überstanden, so
scheint es. Dem ist allerdings nicht so, denn ein Psychopath schickt ihr von
nun an Videos und Bilder, auf denen zu sehen ist, wie er gefesselte und um
ihr Leben schreiende Frauen zuerst verprügelt, um sie dann mit einem
Stahlrohr totzuschlagen. Hier haben wir es mit jemandem zu tun, der in Jin
so etwas wie eine geistig Verwandte sieht und mit seinen Taten bei ihr
Anerkennung sucht. Als er diese aber nicht bekommt, entführt er Jin und
bezieht sie in sein sadistisches Spiel
mit ein.
Obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass vielen dieses doch recht harte Ende
nicht schmecken dürfte, weil es nur sehr wenig mit dem vorangegangenen zu
tun hat, haben mich die Bilder doch sehr fasziniert. Der Folterkeller des
Irren ist voller Ketten und Stahlhaken und wurde mit einem deutlich grünen
Unterton in Szene gesetzt, der das Bild gespenstisch hilflos und bedrohlich
aussehen lässt. Die Brutalität hält sich quantitativ zwar in Grenzen, ist
aber dennoch nicht gerade schön anzusehen und lässt beim Zuschauer ein
starkes Gefühl des Unwohlseins aufkommen. Mich persönlich haben diese
Szenen, die in ihren Inhalten viele Anleihen an der Sado/Maso Szene finden,
durchaus gefesselt, deshalb denke ich nicht, dass es falsch war, den Film
derart abrupt in eine andere Richtung laufen zu lassen.
Die
Hauptdarstellerinnen, Race Wong und ihre Schwester Rosanne Wong sind in
Hongkong bestens durch ihre gemeinsam gegründete Band 2R bekannt, in der
die beiden als Sängerinnen aktiv sind. Doch auch als Schauspielerinnen
waren sie schon des öfteren zu sehen. Sollten Race und Rosanne in jedem
ihrer Filme so gut spielen wie in "Ab-Normal Beauty", dann steht
einer erfolgreichen Schauspielerkarriere meines Erachtens nach nichts mehr
im Weg. Race Wong als Jin, die langsam den Bezug zur Realität verliert und
durchzudrehen glaubt und Rosanne Wong als ihre beste Freundin Jas, die ihre
zu helfen versucht sind nicht nur eine Augenweide, sondern auch äußerst
begnadet, so dass man zu jedem Zeitpunkt mit ihnen mitfiebert.
"Ab-Normal Beauty" ist kein typischer, ostasiatischer Horrorfilm,
in dem es um Geister und deren Rache aus dem Jenseits geht, sondern ein sich
mehr an die Realität haltender Psychothriller, der in seiner visuell
wunderschönen Aufmachung seinesgleichen sucht. Intensiv geschnittene,
schnelle Szenen wechseln sich hier regelrecht mit Bilderfluten, die eine
warme Ruhe ausstrahlen, nur um einen letztendlich in einen Alptraum aus
Wahnsinn, Verzweiflung und Tod zu werfen. "Ab-Normal Beauty" ist
dabei ein kontrastreicher Film, der zuerst noch sanft mit den Nerven des
Zuschauers spielt, um diese dann mehr und mehr auf die Probe zu stellen.
Dies alles unterlegt mit einer unglaublichen visuellen Kraft, talentierten,
schönen Darstellerinnen, stets passender Musik und einer extrem dichten
Atmosphäre machen einen Film, den man sich keinesfalls entgehen lassen
darf. |