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London kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges:
Die jungen Eheleute Timothy John und Beryl Evans ziehen gemeinsam mit ihrer
kürzlich geborenen Tochter Geraldine in das Haus Nr. 10 der Rellington
Street. Das Vermieterehepaar John Christie und seine Frau Ethel machen einen
seriösen Eindruck. Ja gerade John Christie scheint ein Spießbürger durch
und durch zu sein, der sich zwar sorgevoll um seine neuen Mieter,
insbesondere die attraktive Beryl kümmert, jedoch bei geringsten Anlässen
zur Beschwerde stets strikt auf die Paragrafen des Mietrechts verweist. Doch
John Christie hat noch ein zweites Gesicht: Das Gesicht eines Triebmörders,
der junge Frauen unter dem Vorwand medizinischer Behandlung in seine Wohnung
lockt, sie dort mit Gas betäubt und anschließend erdrosselt, während er
sich an ihnen vergeht.
Als die junge Beryl erneut schwanger wird, zieht das junge Paar aufgrund
seiner miserablen finanziellen Situation einen Schwangerschaftsabbruch in
Erwägung. Beryl wendet sich hilfesuchend an John Christie, der ihr von
seiner „medizinischen Ausbildung“ berichtet hat. Er bietet ihr an, die
illegale Abtreibung durchzuführen. Aber Christie führt natürlich anderes
im Schilde. Auch Beryl wird sein Opfer. Ihrem verzweifelten Ehemann erzählt
er von Komplikationen, verweist auf die Strafbarkeit des Eingriffs und macht
Evans Vorwürfe und Schuldzuweisungen. Er bietet ihm an, bei der Beseitigung
der Leiche zu helfen und sich um dessen Tochter zu kümmern, damit Evans
vorerst untertauchen kann.
Evans willigt ein, wird kurz darauf jedoch von Gewissensbissen geplagt und
offenbart sich der Polizei. Diese hat jedoch eindeutige Indizien dafür,
dass Evans selbst der Mörder seiner Frau und seiner Tochter ist (die
inzwischen von Christie beseitigt wurde, nicht ohne den Verdacht auf Evans
zu lenken). Seine Unschuldsbeteuerungen finden kein Gehör. Evans wird als
Mörder verurteilt und hingerichtet. Derweil geht Christie seinem perversen
Treiben weiter nach.
Nur ein Zufall überführt ihn schließlich als Täter. Nachdem er auch
seine Ehefrau ermordet hat, ist er aus finanzieller Not gezwungen, seine
Wohnung aufzugeben. Seinen Nachmieter erwartet jedoch beim Einzug eine
grausige Überraschung... |
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Wie heißt es so schön? Nichts ist
erschreckender als die Realität... und Filme ÜBER die Realität!!
Die meisten Filme über Serienmörder erzeugen ihre schaurig gruselige
Stimmung nicht aus der expliziten Darstellung der oftmals blutigen Taten der
„Titelhelden“, sondern hauptsächlich durch die filmische Rekonstruktion
deren Lebensweise, ihres sozialen Umfelds, durch den Versuch, Einblicke in
die Psyche des Täters zu geben und die Hintergründe seiner Gräueltaten
aufzuzeigen.
„John Christie – Der Frauenmörder von London“ ist die
Leinwandadaption des Lebens und der Taten des grausamen Frauenmörders John
Christie und eben ein Paradebeispiel für eine ruhige aber dennoch packende
True Crime – Verfilmung auf höchstem Niveau.
Die Grundstimmung ist vom ersten Moment an beklemmend und finster. Dieses
mag in erster Linie natürlich daran liegen, dass sich der Zuschauer von
vornherein bewusst ist, dass das Handlung und Charaktere auf einem
authentischen Fall basieren. Alle, im Film zwar zumeist nur angedeuteten,
Morde sind im wirklichen Leben tatsächlich geschehen, alle Leichenfunde
tatsächlich gemacht worden. Gedreht wurde der Film an Originalschauplätzen
in der Rillington Street, jedoch nicht direkt am Tatort in John Christies
Haus Nr. 10, sondern zwei Häuser weiter in Nr. 6. Ein geschickter Schachzug
von Regisseur Richard Fleischer: Die klaustrophobe Kulisse des
Arbeiterreihenhauses mit seinem heruntergekommenen Gartens und dem engen,
düsteren Treppenhaus erzeugt eine stimmungsvoll finstere Atmosphäre von
der gleich ein Dutzend Gruselfilme hätten zehren können.
Sir Richard Attenborough beweist mit seiner Darstellung des Serienmörders
John Christie einmal mehr, dass er unbestritten zur Riege der besten
Schauspieler aller Zeiten zählt. Derart diabolisch wie Attenborough, der
auch optisch eine sehr große Ähnlichkeit zu seiner verkörperten Rolle
besitzt, den Charakter John Christie verkörpert, würde es wohl niemanden
verwundern, wenn auf dem Attenborough’schen Anwesen einmal die ein oder
andere Leiche gefunden würde. ;-)
Attenboroughs schauspielerische Leistung ist grandios und wirklich
unvergleichbar. Übertroffen wird sie jedoch noch von der des jungen John
Hurt, der den charakterschwachen, manipulierbaren Evans spielt. Für John
Hurt war es seinerzeit eine seiner ersten großen Rollen und der Beginn
einer großen Karriere als Charakterschauspieler.
Der Film erzielt seine Spannung während der ersten Hälfte insbesondere aus
der Zeichnung der beiden Hauptcharaktere John Christie und Timothy John
Evans. Obwohl beide Personen jeweils auf ihre eigene Art als
gesellschaftliche Versager angesehen werden können, Christie als mehrfach
vorbestrafter Frühpensionär, Evans als finanziell gebeutelter Analphabet,
könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Hier der introvertierte,
aalglatte, fast schon schmierige Christie, der seine Umgebung mit Argusaugen
hinter der Gardine seines Fensters beobachtet, nur auf neue Gelegenheiten
wartet, seinem Morddrang nachzugeben, und es geschickt versteht, die
Menschen um ihn herum mit seiner beschwörend säuselnden Stimme und
pseudowissenschaftlichen Erklärungen um den kleinen Finger zu wickeln.
Dort, der leicht manipulierbare Evans, der seinen Analphabetismus mit
Prahlerei zu kaschieren versucht. So verwundert es nicht, dass Christie nach
Ermordung der Ehefrau Evans’ leichtes Spiel hat, ihm Schuldvorwürfe zu
machen und Gewissensbisse einzureden.
Der zweite Teil der Handlung konzentriert sich dann zunächst auf das
tragische Schicksal Timothy John Evans’, der durch widersprüchliche
Aussagen bei der Polizei und vor Gericht immer tiefer in den Strudel gerät,
an dessen Ende letztlich der Scharfrichter auf ihn wartet. Im Verlauf einer
wirklich fesselnden Gerichtsverhandlung versucht er, den wahren Mörder zu
belasten und seinen eigenen unschuldigen Kopf zu retten. Vergeblich, denn
auch hier gelingt es Christie, das Gericht und die Geschworenen durch
eiskalte Lügen, ohne mit der Wimper zu zucken auf seine Seite zu ziehen.
Angesichts der von Richard Attenborough in diesen Szenen glänzend
präsentierten Abgebrühtheit Christies zieht sich dem Zuschauer schier die
Kehle zu.
Viel schlimmer als alle dargestellte physische (weniger) und psychische
(mehr) Gewalt erscheint dem Zuschauer letztlich die erschreckende
Erkenntnis, die der Film aufwirft: Wie bei vielen anderen Serienkillern, wie
z.B. John Wayne Gacy oder Ted Bundy ist auch John Christie nicht das
offensichtlich unfassbar grausame Monster am Rande der Gesellschaft, sondern
ein direkter Teil von ihr. Ein fast schon cholerischer Spießbürger mit
Hosenträgern, schütterem Haar, der seine Umwelt stets beobachtet und zu
Zucht und Ordnung anmahnt. Mancher Zuschauer dürfte sich nach Konsum des
Films dazu angehalten sehen, sich seine unmittelbare Wohnnachbarschaft
einmal genauer anzusehen. Man wird überrascht sein, wie viele „John
Christies“ sich da draußen in der Welt herumtreiben. Und wer weiß,
vielleicht verbirgt der ein oder andere von ihnen auch ein schreckliches
Geheimnis...
Fazit: Neben HENRY, die wohl bisher beste True Crime Verfilmung, nicht
zuletzt aufgrund der grandiosen Leistung der Hauptdarsteller!! Ein MUSS für
alle True Crime – Interessierten. |