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Der deutsche Amateur-Horrorfilmsektor ist im
Allgemeinen nicht unbedingt mit dem besten Ruf ausgestattet, was junge
Filmemacher allerdings zum Glück nicht davon abhält, ihre eigenen Werke
und Ideen auf Film festzuhalten. Zu den eher bekannten, wenn auch nicht in
allen Fällen beliebten, Regisseuren hierbei zählen Ittenbach, Schnaas,
Rose und Konsorten, doch auch fernab dieser Namen gibt es immer wieder mal
überraschende Neuigkeiten aus der Welt des No-Budget Sektors zu vermelden.
So zum Beispiel die, dass mit Sebastian Radtke ein weiterer,
ernstzunehmender Jungregisseur durch seine letzte Produktion
"Psychotica" die Runde in Fankreisen macht. Der aus dem kleinen
Städtchen Eisenhüttenstadt stammende Nachwuchsfilmer begann seinen Traum
von den eigenen Filmen bereits im Alter von 17 Jahren, im Jahr 2002 mit dem
Kurzfilm "Bloody Dawn" zu verwirklichen, damals einzig mit der
Hilfe seiner Freundin Carolin Meyer. Diese war auch an allen anderen, noch
folgenden Streifen Radtke's beteiligt und agierte meist in der Hauptrolle.
In den Folgejahren sollten noch die Kurzfilme "Suicide", "Der
Blutgänger", "Der welke Traum", "Das Grab",
"Wenn es Nacht wird..." und "Tränen einer Rose" das
Licht der Welt erblicken, die allerdings nicht ausschließlich
Horrorthematiken behandelten.
Interessant an Sebastian Radtke, der seine Streifen alle aus der eigenen
Tasche finanziert, ist die Tatsache, dass er sich, anders als diverse
andere, deutsche Amateurfilmer, nicht nur in den nächsten Wald begibt, um
dort ein paar blutige Effekte festzuhalten, sondern gerne auch mal in andere
Richtungen geht, schön zu sehen an seinen Filmen "Der welke
Traum" und dem sogar leicht märchenhaften "Tränen einer
Rose". Mit "Psychotica" realisierte Radtke im Jahr 2006
seinen ersten, längeren Spielfilm und zugleich seine bislang aufwändigste
Arbeit. Um so erstaunlicher ist es, das meist nur wenige Leute am Set waren,
der Streifen wurde beinahe komplett nur von drei Personen inszeniert und das
in gerade mal 10 Tagen Drehzeit. Auch hier griff der junge Regisseur wieder
in die eigene Tasche, um den Film zu finanzieren, was sich jedoch lohnen
sollte, so wird "Psychotica" mittlerweile sogar schon auf DVD
vertrieben.
Ganz klar, Ottonormalverbraucher werden mit den Filmen von Radtke nichts
anfangen können, da stellt auch "Psychotica" keine Ausnahme dar.
Interessant ist das Werk letzten Endes onehin nur für Fans derartiger
Amateurproduktionen, die hierbei jedoch, so lange sie ein wenig über die
Hintergründe des Drehs, und der Person, die den Film verwirklichte,
bescheid wissen, mit einer wirklich sehenswerten Angelegenheit belohnt
werden. "Psychotica" ist weit davon entfernt, als innovativ
durchzugehen, dennoch kann man als Symphatisant derartiger No-Budget
Produktionen hier nur zufriedengestellt werden. Wie erwähnt, ist Radtke
keiner von den Regisseuren, die nur Splatterszene an Splatterszene reihen,
das kann man immer noch Ittenbach überlassen, vielmehr geht es ihm auch mal
darum, eine Story zu erzählen, und sein Publikum einfach nur zu unterhalten
und dies gelingt dem hier vorliegenden Streifen beides in einem
ausreichenden Maß. Der Plot um das bewusstseinsverändernde Serum, das dazu
in der Lage ist, real wirkende Visionen hervorzurufen, ist recht flach, doch
zumindest ist die Chance auf Abwechslung hiermit gegeben, ist der Streifen
doch somit quasi in mehrere Kurzfilme unterteilt. Jede Vision, erzählt,
wenn man so will, eine kleine Geschichte für sich, die von der
Grundhandlung zusammengehalten werden, ansonsten aber genug Freiraum für
völlig unterschiedliche Szenarien bieten.
So sorgen die mörderischen Ideen ein ums andere Mal wieder für
Abwechslung, einmal werden der entführten und unfreiwillig in das
Experiment involvierten Frau die eigenen Organe zum Verzehr vorgesetzt, das
nächste Mal erwacht sie in einem sterilen und unheimlichen Schlachthaus, wo
sie von einem Psychopathen verfolgt und umgebracht wird. Stellenweise kommen
dabei sogar Erinnerungen an "Saw" hoch, etwa wenn die Frau mit
einer Gasmaske auf dem Kopf zu sich kommt, die mit einem Giftgasbehälter
verbunden ist. Wenn es ihr nicht gelingt, eine bestimmte Aufgabe zu lösen,
wird sie zwangsläufig das Gas einatmen und qualvoll sterben. Wie erwähnt,
gestalten sich die Ideen als sehr unterschiedlich und des öfteren sogar als
optisch reizvoll, etwa wenn die Frau in einem weißen Himmelbett liegend, in
ein Brautkleid gekleidet, zu sich kommt und im Folgenden verwirrt und
benommen durch den Wald stolpert, bevor sie dann von einem unbekannten
Angreifer ertränkt wird. Ohne Frage wird Sebastian Radtke für diese
Handlung nicht auf den Originalitätspreis hoffen dürfen, doch sie
funktioniert besser, als vieles, was man sonst aus dem Sektor kennt und kann
einen durchweg bei Laune halten.
Die mit einem statischen 3CCD Camcorder eingefangenen Bilder wirken
professionell und visuell für ein derartiges Projekt absolut ausreichend,
hier liefert Radtke keinen Grund zur Beschwerde. Auch, wenn
"Psychotica" letzten Endes einen runden Eindruck macht und
durchaus überzeugt, hat allerdings auch dieser Film seine kleinen
Schwächen. Die Dialoge sind hier beispielsweise etwas unbeholfen
eingebracht und teilweise etwas unverständlich, insbesondere bei der
verzerrten Stimme des Entführers, der zugleich auch für das Experiment
verantwortlich ist. Desweiteren dürfte "Psychotica" wohl für all
jene eine Enttäuschung darstellen, die sich hierbei einen blutgetränkten
Splatterfilm erhoffen, denn obwohl das Werk durchaus seine gorehaltigen
Momente hat, ist viel zu wenig Blut vorhanden, um es wirklich in die
Splatter-Ecke stellen zu können. Wenn es dann aber doch mal zur Sache geht,
dann stets sehr überzeugend und professionell. Egal ob nun eine Entweidung
oder ein Messer, das in ein Gesicht gestochen wird, der Verantwortliche
beherrschte sein Handwerk. Zu den positiven Aspekten gesellt sich noch der
selbst erstellte Soundtrack hinzu, der stets einen sehr passenden Eindruck
vermittelt, sowie die Kulissen, allen voran das beklemmende und sterile
Schlachthaus. Lediglich die Darsteller wirken teilweise noch etwas
unbeholfen, was insbesondere für Carolin Meyer gilt. Sicher, sie steht in
einer besonderen Beziehung zu Radtke und war bei seinen Arbeiten von Anfang
an dabei, dennoch sollte der Regisseur langsam mal daran denken, vielleicht
talentierte Darsteller zu engagieren, die die selbe Arbeit für wenig Budget
machen, denn Meyer wirkt an vielen Stellen gelangweilt und desinteressiert,
was bei einem Kurzfilm noch zu verschmerzen ist, bei einer längeren
Angelegenheit wie "Psychotica" auf Dauer aber sehr negativ
auffällt.
Freunde des Amateurgenres, aber auch nur diese, sollten
"Psychotica" unbedingt eine Chance geben, denn Sebastian Radtke
ist es hiermit gelungen, einen unterhaltsamen und nur selten langweiligen
Horrorfilm zu drehen, der gekonnt und souverän inszeniert wurde und durch
die abwechslungsreiche Story zu gefallen weiß. Kleine Schwächen wie die
Schauspielerleistungen und die teilweise schwer verständliche Synchro
verzeiht man dem Werk dabei gerne, macht es doch Hoffnung, dass der deutsche
Amateurfilmbereich noch etwas zu bieten hat und sich nicht nur auf die immer
gleichen Splattervehikel festgefahren hat, die zwar ab und an ganz nett
sind, auf Dauer aber auch langweilig werden. "Psychotica" ist ein
rundum gutes Beispiel für zufriedenstellenden und schnörkellosen
Amateurhorror, der in dieser Form absolut sehenswert und zu empfehlen ist. |