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Es waren einmal zwei Schwestern ...
Ah ja... Sicherlich ein weiterer Grusel-Beitrag aus dem Fahrwasser der
"Ring" / "Grudge"- Welle. Diesmal wohl dann mit ZWEI
gruselig-weiß gekleideten bleichen Mädchen als Schockgaranten. So ähnlich
könnte mancher unbedarfte Filmfreund eventuell denken, bei Betrachtung des
Covers und Angesichts der Tatsache, dass nun mal in jüngster Vergangenheit
eine ganze Reihe von asiatischen Gruselfilmen sich dieser Elemente bediente.
"A Tale of Two Sisters" ist jedoch anders!!! "A Tale of Two
Sisters" ist zwar auch (genau wie oben erwähnte Beispiele)
intelligentes Gruselkino auf höchstem Niveau. Jedoch bietet der Film
weitaus mehr, als "nur" gepflegte Gänsehaut. Er stellt eine
perfekte Mischung aus dezentem Grusel, melancholischem Drama und
Psychothriller dar.
Der Film kann als eine Art Kammerspiel bezeichnet werden, schließlich kommt
er mit lediglich vier Hauptdarstellern aus, denen fast ausschließlich die
gesamte Spielzeit gehört. Kein Wunder, dass die Geschichte besonderen Wert
auf die Zeichnung der Charaktere legt. Ein äußerst glückliches Händchen
hatte man diesbezüglich bei der Besetzung der Rollen. Grandios die
Darbietung der beiden Jungschauspielerinnen. Auf der einen Seite die
schutzlose, verängstigte kleine Soo-Yeon (Geun-yeong Mun), auf der anderen
ihre große Schwester Soo-Mi (Su-jeong Lim), die sie behütet. Auch der
Charakter der intriganten bösen Stiefmutter ist mit Jung-ah Yum brillant
besetzt. Während sich Soo-Yeon den verbalen und später auch physischen
Anfeindungen ihrer Stiefmutter ausgesetzt sieht, bietet Soo-Mi der
unliebsamen Ersatzmutter die Stirn, liefert sich einen regelrechten
Machtkampf mit ihr. Einziger Ruhepol der Familie scheint der Vater zu sein,
der sich jedoch zu keinerlei klärenden Reaktion hinreißen lässt und für
keine Partei wirklich Stellung bezieht. Jede Person der Handlung scheint
dabei psychische Störungen zu haben. Die Bandbreite reicht da von
Schizophrenie über Depressionen bis hin zu Schuldgefühlen und
Vergangenheitsverdrängung. Während sich der erste Teil des Films
darum bemüht, die Charaktere vorzustellen und die gruselige Atmosphäre
aufzubauen, konzentriert sich die zweite Hälfte des Films dann auf eben
diese psychologischen Aspekte.
Der Schauplatz des Geschehens, ein abgelegenes Landhaus, wirkt von außen
betrachtet idyllisch, einladend, gar friedlich. Im Inneren, dort wo das
Kammerspiel um die vier Hauptdarsteller stattfindet, erscheint es jedoch
unheimlich, beängstigend, mit seinen großen Korridoren, der antiken
Einrichtung und irgendwie erdrückend. Einen besonderen Anteil an dieser
Wirkung hat dabei sicherlich die Kameraarbeit, die mit langsamen
Kamerafahrten und gelungenen Schnitten alltägliche Gegenstände wie z.B.
seltsam gemusterte Tapeten einen bedrohlichen Touch verleiht. Untermalt wird
die Bilderpracht von einem wunderschönen Soundtrack mit Streichereinlagen
und Klavierspiel.
Regisseur Ji-woon Kim, bekannt u.a. durch seine Komödie "The Quiet
Family" ("Choyonghan kajok", Süd Korea, 1998) oder seinen
Beitrag "Memories" zum Episodenfilm "Three" ("San
geng", HK, Süd Korea, Thailand, 2002) setzt geschickt klassische
Gruselelemente wie verschlossene oder sich unheimlich knarzend öffnende
(Schrank-) Türen in Szene.
In technischer Hinsicht fällt neben der bereits erwähnten hervorragenden
Kamerafahrt die außerordentlich stilvolle Verwendung von Farbtönen auf.
Insbesondere der kontrastreiche Einsatz von roten und blauen Farben sticht
dabei ins Auge. Beinahe wähnt man sich in einem Argento-Film.
Schockeffekte werden spärlich aber dafür umso wirkungsvoller eingesetzt.
Einige Szenen sind denn auch ohne weiteres mit den besten Momenten von
Klassikern wie "Ringu" oder "The Eye"vergleichbar. Der
Grusel kommt zumindest in der ersten Hälfte des Films eher aus dem Bauch
heraus. Die Protagonisten durch dunkle Korridore zu begleiten, wissend, dass
etwas im argen liegt kann eben wesentlich gruseliger sein als so manche
Hauruck-Schockeffekt-Orgie. Wer (aus Ignoranz oder Unwissenheit, oder
weswegen auch immer) Asien-"Horror" einzig mit CAT-III - Splatter-
und Gewaltorgien zu definieren versucht, werden mit "A Tale of Two
Sisters" wahrscheinlich nicht viel anfangen können. Nicht blutige
Action ist angesagt. - Hier herrscht Bettdecke-ins-Gesicht-zieh-Pflicht!!!
Ein wenig erinnert der Film an verstörendes französisches Avantgarde-Kino
oder die finsteren Werke eines David Lynch. Wahrlich keine leichtverdauliche
Filmkost für zwischendurch. Mitdenken ist angesagt. Zahlreiche Details, die
zur Lösung des Rätsels beitragen und sich dem Zuschauer eventuell erst bei
mehrmaligem Anschauen offenbaren, gilt es zu entdecken. Scheint die
Auflösung zwar auf den ersten Blick, zumindest für regelmäßige
Kinogänger, schon im Laufe der Handlung klar zu sein, so lassen die letzten
30 Minuten des Films mit raschen Wendungen und geschickten
Handlungssprüngen den Zuschauer nach dem Abspann dennoch mit offenem Mund
und lauter Fragen und Interpretationsmöglichkeiten zurück.
DAS ist ganz große Film-Kunst: Ohne großen Popanz fast zwei Stunden
packende Unterhaltung zu bieten UND gleichzeitig zum Nachdenken
anzuregen. "A Tale of two Sisters" ist sicherlich einer der
stärksten und intensivsten Genrebeiträge aus Fernost!! Ein Film, der auf
Anhieb zu gefallen weiß, seine volle Intensität aber sicherlich erst bei
mehrmaligem Ansehen entfaltet.
Das Label E-M-S wird mit seiner Reihe CineMagicAsia genau den Geschmack der
Filmfans treffen. Asienmovies sind nämlich gerade in jüngster Zeit schwer
angesagt. Nur allzu verständlich, schließlich lassen sich dabei eben
solche Meisterwerke wie "A Tale of Two Sisters" entdecken. |