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Der Kannibale Dr.
Hannibal Lecter, welcher erstmals 1981 in Thomas Harris' Roman "Red
Dragon" auftauchte und sich seitdem laut einer Studie des
amerikanischen Filminstitutes zum gefährlichsten Bösewicht der
Filmgeschichte entwickelte, wird wohl von den meisten Personen mit dem
Gesicht von Sir Anthony Hopkins in Verbindung gebracht werden. Kein Wunder,
spielte Hopkins den Kannibalen mit der Vorliebe für guten Wein und
klassische Musik doch in drei der insgesamt fünf Streifen rund um Hannibal
Lecter: Zuerst im 1991 gedrehten "Das Schweigen der Lämmer", dann
nach einer 10 jährigen Pause im nicht minder genialen "Hannibal",
welcher den brillanten Kannibalen endgültig in den Mittelpunkt rückte,
nachdem Lecter seine Präsenz im Vorgängerfilm mit Clarice Starling und dem
Serienmörder Buffallo Bill teilen musste. Nur ein Jahr nach
"Hannibal" folgte dann überraschend eine Neuverfilmung von
"Manhunter" bzw. "Red Dragon", welcher die Geschichte
vor den Geschehnissen aus "Das Schweigen der Lämmer" erzählte.
Nachdem Anthony Hopkins nach drei Lecter-Filmen mit absoluter Sicherheit
verkündete, dass er nicht wieder in die Rolle des Kannibalen schlüpfen
werde, mussten die Produzenten sich etwas Neues einfallen lassen, denn
finanzielles Potenzial steckte nach wie vor in dem Franchise.
Das Resultat einiger unter Zugzwang geratenen Produzenten ist, wie
eigentlich zu vermuten war, ein Prequel. War bereits "Roter
Drache" eine Vorgeschichte, so dreht "Hannibal Rising" das
Rad nun noch wesentlich weiter zurück und befördert uns mitten hinein in
die Kindheit des Kannibalen. Die zu klärende Frage war natürlich, wie
Hannibal Lecter zu dem wurde, den wir alle kennen und fürchten. Mit von der
Partie war auch hier wieder Thomas Harris, aus dessen Feder alle
vorangegangenen Lecter-Romane stammen. Dieses Mal war seine Mitarbeit an dem
Projekt allerdings eher erzwungener Natur, nachdem ihm die Produzenten
nämlich mitteilten, dass man ein Prequel mit oder ohne seiner Mitarbeit
drehen würde. Der einzige Grund, wieso der Roman "Hannibal
Rising" geschrieben wurde, war also der, dass Harris auch weiterhin am
Lecter-Franchise beteiligt sein wollte. Das merkt man der Verfilmung des
Romans, für die Harris auch das Drehbuch schrieb, leider an.
Die einst so fesselnden Psychothriller um den Kannibalen Hannibal Lecter
liegen leider meilenweit über dem, was Harris mit "Hannibal
Rising" inhaltlich abgeliefert hat. Hier bekommt das erwartungsfreudige
Publikum bestenfalls noch eine handelsübliche Rachestory zu sehen, wie man
sie zwar durchaus noch für einen unterhaltsamen Abend gebrauchen kann, die
aber in keinster Weise mit dem mithalten kann, was man von den
"Hannibal" Werken gewohnt ist. Kein Wunder, dass auch Peter
Webber's Verfilmung des Romans einiges zu wünschen übrig lässt. An und
für sich war es sicherlich keine verkehrte Wahl, den Posten des Regisseurs
mit dem Briten zu besetzen, konnte er doch mit "Das Mädchen mit dem
Perlenohrring" vor 4 Jahren ein durchaus überzeugendes Drama hinlegen.
Selbst der beste Filmemacher ist aber leider nicht in der Lage, aus einer zu
Wünschen übrig lassenden Vorlage einen tollen Film zu zaubern.
Eine Frage, über die man wohl ganze Seminare abhalten könnte ist die, ob
es eine Vorgeschichte wirklich gebraucht hat. Die Einen interessierte es
sicherlich, wie Hannibal zu dem brillanten Mörder wurde, doch man muss
dabei im Hinterkopf behalten, dass dadurch ein Großteil der Faszination um
diesen Menschen herum zerstört wird. Das Faszinierende an Hannibal Lecter
war stets die Ungewissheit um seine Vergangenheit, doch nun hat dank
"Hannibal Rising" eine unwiderrufliche Entmystifizierung
stattgefunden. Die anspruchsvoll klingende Story ist dabei so simpel, dass
sie über das Prinzip eines handelsüblichen Slashers nicht hinauskommt:
Ein Junge muss im Krieg miterleben, wie seine Schwester gefressen wird,
entwickelt dadurch selbst kannibalistische Neigungen und nimmt sich viele
Jahre später die Übeltäter einen nach dem anderen vor. Fast schon fühlt
man sich anhand dieser Story an Streifen wie "Freitag der 13."
erinnert, die auch nur Tötungsszene an Tötungsszene aneinander reihten und
bei denen man erst gar nicht nach einem vernünftigen Plot suchen musste.
Aber halt, ganz so schlimm wird es dann bei "Hannibal Rising" doch
nicht, denn zumindest die ersten 45 Minuten sind tatsächlich ein sehr
interessanter Rückblick auf Hannibal Lecter's Vergangenheit. Wie er
miterleben muss, wie Mischa gefressen wird, seine spätere Flucht zu seiner
Tante Lady Murasaki und sein langsamer Werdegang zum Mörder werden
nachvollziehbar und bodenständig geschildert. Peter Webber hat sich
wirklich Mühe gegeben, das Geschehen in anspruchsvollen Bildern zu filmen,
so dass es reichlich fürs Auge gibt. In die Tiefe geht "Hannibal
Rising" bei seinen Erzählungen allerdings nie, so wird Lecter's
Beziehung zu seiner Mentorin und Tante Lady Murasaki nur sehr oberflächlich
geschildert.
Irgendwann macht der Streifen eine Kehrtwendung und wird zum berechenbaren,
innovationslosen Katz - und Mausspiel, in dessen Verlauf Hannibal nach den
Mördern seiner Schwester sucht und diese dann nacheinander umbringt. Hier
präsentiert sich "Hannibal Rising" zwar von einer sehr brutalen,
blutigen Seite, und zeigt durchaus recht grausame Arten, einem Menschen das
Leben zu nehmen, doch mehr bietet einem die Geschichte dann ab der Hälfte
nicht mehr. Es scheint, als habe es irgendwann spontan "Klick"
gemacht und Hannibal ist vom traumatisierten Jugendlichen zum sich perfekt
artikulierenden Killer mutiert. Dabei ist "Hannibal Rising" nicht
nur mehr und mehr unglaubwürdig, sondern begeht auch den Fehler, sich als
Slasher typischster Bauart zu präsentieren.
Psychologische Tiefe gibt es kaum zu betrachten, irgendwann ist es nur noch
das Blut, auf das "Hannibal Rising" seine Aufmerksamkeit richtet.
Ich möchte garnicht leugnen, dass mir der Streifen als Horrorfan durchaus
zugesagt hat, doch es bleibt nach wie vor die Frage nach dem warum. Warum
brauchte es unbedingt eine Vorgeschichte zum Werdegang Hannibal Lecters?
Natürlich des Geldes wegen. An den Kinokassen konnte der Streifen den
Erwartungen allerdings nicht standhalten und sorgte eher für ernüchternde
Einspielergebnisse. Der Film an sich lässt dabei, wenn man einen typischen
Slasher sehen möchte, nicht viele Wünsche offen, da er sowohl brutale
Szenen, wie auch anspruchsvolle Momente kombiniert und in seinen zwei
Stunden kaum langweilt. Doch da "Hannibal Rising" den Anspruch
erhebt, eine Vorgeschichte zu den anderen Lecter-Erzählungen sein zu
wollen, hätte man durchaus mit mehr rechnen dürfen.
Das Bedenken vieler Filmfans verlagerten sich im Voraus insbesondere auf
einen Faktor - den Hauptdarsteller. Anthony Hopkins in seiner Darstellung
des intelligenten Kannibalen ist schon legendär und es schien deshalb
unwahrscheinlich, dass irgend ein Jungschauspieler dem das Wasser reichen
könnte. Nach einigen Überlegungen fiel die Qual der Wahl dann auf den
recht unbekannten, 23 jährigen Franzosen Gaspard Ulliel, der zwar schon
einige Male vor der Kamera stand, dem der große Durchbruch bislang aber
verwehrt blieb. Das dürfte sich nach "Hannibal Rising" geändert
haben. Denn auch, wenn Ulliel die übergroßen Fußspuren, die Hopkins
hinterlassen hatte, nicht ausfüllen kann, so legt er doch eine
überraschend souveräne Leistung ab. Sein hämisches Grinsen, wenn er sich
über seine Opfer hermacht, hat etwas dämonisches und verleiht Gaspard
Ulliel sehr viel Sadismus, vor dem man sich fast schon automatisch
fürchtet. Auch wenn viele Fans der bisherigen Hannibal-Filme über das
Fehlen von Anthony Hopkins untröstlich sein dürften, hat man mit dem
Franzosen Ulliel doch einen annehmbaren Kompromiss gefunden, wie ich meine.
Viel erwartet hat im Voraus wohl niemand von "Hannibal Rising" und
so darf letzten Endes gesagt werden, dass die Enttäuschungen vermutlich
auch nicht ganz so groß ausfallen. Das Prequel kann den vorangegangenen
Teilen um den Kultkannibalen in keinster Weise das Wasser reichen. Die
Handlung trampelt zu großen Teilen auf anspruchslosen, vorhersehbaren
Slasherpfaden und bietet längst nicht das, was eine Vorgeschichte zu einem
Menschen wie Hannibal Lecter hergegeben hätte. Ob das allerdings die Schuld
von Thomas Harris oder Peter Webber war, muss erst noch geklärt werden. Ich
schätze jedenfalls, dass Webber ein deutlich besserer Film gelungen wäre,
hätte das Drehbuch mehr hergegeben. "Hannibal Rising" ist weder
langweilig, noch stümperhaft inszeniert, im Gegenteil, doch die Handlung
ist einfach ziemlich schwach und kann nicht gerade zu Begeisterungsstürmen
hinreißen.
Für einen gemütlichen Filmeabend zu empfehlen, doch eingefleischte
Hannibal Lecter Fans können "Hannibal Rising" ohne schlechtes
Gewissen meiden. |