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Hinter den unscheinbaren Wänden eines
typischen Eigenheims lebt eine Familie kurz vor dem Zerfall. Als die
älteste Tochter Melinda (Caroline Veyt) eines Tages ein Kind von einem
scheinbar unbekannten Vater erwartet, will sie die Familie verlassen, was
vor allem ihren Bruder Alex (Pascal Duquenne) stark trifft. Alex ist von
Geburt an mongoloid und sitzt seit einem tragischen Treppensturz auch noch
im Rollstuhl. Melinda hat sich lange Zeit aufopferungsvoll um ihn
gekümmert, da die Eltern jedwede Liebe für Alex vermissen lassen. Vater
Max (Philippe Résimont) ist ein erfolgloser Musiker, der all seinen Frust
über seine berufliche Unfähigkeit auf seine Familie entlädt und diese
bereits seit Jahren schlägt und tyrannisiert. Die Mutter Marie (Françoise
Mignon) ist angesichts des Scheiterns ihrer Familie verbittert und zieht es
vor, die Brutalitäten ihres Mannes still über sich ergehen zu lassen.
Mit dem bevorstehenden Auszug Melinda's erreicht die Problematik innerhalb
der Familie ihren Höhepunkt. Genau da erscheint in dem Haus, am Ende eines
langen Korridors, wie aus dem Nichts eine neue, mit seltsamen Buchstaben
verzierte Tür. Der erste, der über die Schwelle tritt, ist der beste
Freund des jüngsten Sohnes, der daraufhin mit einem markerschütternden
Schrei spurlos verschwindet. Als auch den Sohn selbst dieses Schicksal
ereilt, müssen die anderen feststellen, dass sich weder die Türe öffnen
lässt, noch dass sie in der Lage sind, das Haus zu verlassen. Die Fenster
sind plötzlich verriegelt und halten selbst Axthieben stand. Auf engstem
Raum sind Melinda, Alex, Marie und Max nun gezwungen, sich ihren innersten
Dämonen zu stellen und all den Schmerz nach außen zu tragen, der die
Familie seit Jahren auffrisst. Doch der mysteriöse Raum fordert immer
weitere Opfer und letztendlich tritt auch Melinda in die absolute Schwärze,
die hinter der unheimlichen Tür lauert... |
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Die Kommerzialisierung der heutigen
Filmlandschaft trägt einen großen Teil zum immer wieder erkennbaren fehlen
jedweder Existenzberechtigung vieler Filme bei - auch im Horrorgenre. Dieses
hat allerdings noch eine ganz andere Last auf seinen Schultern zu tragen,
denn mit ständigen Wiederkauversuchen alter Schemen und Motiven gelingt es
vielen Regisseuren einfach nicht mehr, einen eigenen Fuß zu fassen. Ganz
anders geht da ein gewisser Giles Daoust aus Belgien vor. Mit Stanley
Kubrick's "Shining" als Vorbild vor Augen und einem
Beinahe-Alleingang als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent schuf der Mann
mit verhältnissmäßig wenig Geldmitteln einen bedeutsamen Film mit dem
Titel "The Room", der uns beweist, dass es doch noch
Eigenständigkeit und künstlerische Ambitionen in einem Genre gibt, dem
ansonsten meist nur der Blick auf das schnelle Geld nachgesagt wird.
Was der junge Filmemacher hier geschaffen hat, ist schwer in Worte zu fassen
und noch unmöglicher zu deuten. Ein jeder wird "The Room"
individuell erleben, die wenigsten werden zu der grenzüberschreitenden
Ebene, auf der der Film spielt, durchdringen können. Derlei Experimente
sind für Giles Daoust jedoch nichts Neues - bereits im Jahr 2004 wagte er
mit "Last Night on Earth" den riskanten Versuch, einen Film in nur
einem einzigen Tag zu drehen. Die Kritiker hielten jedoch nicht viel von
derlei Ambitionen und auch "The Room" hat es bislang unverdient
schwer. Kein Wunder, denn Filme wie dieser sind nicht für die breite Masse
gemacht und erst recht nicht als gehaltlose Unterhaltung für zwischendurch
geeignet. Im Worst Case Scenario - zusammen mit einigen Kollegen und einer
Kiste Bier, ist "The Room" etwa so geeignet wie Y.M.C.A. auf einer
Beerdigung.
Eine Teilschuld trägt sicherlich die leicht missverständlich zu deutende
Vermarktung des Films, die auf einen typischen Horrorfilm schließen lässt.
Zwar spielt "The Room" gerne mit Angst und Schrecken, doch lässt
er sich nicht unbedingt in die Breitengrade eines gängigen Horrorfilms
unterwerfen, vielmehr haben wir hier ein psychologisches Familiendrama, das
aber zu jedem Zeitpunkt Giles Daoust's Vorliebe für den phantastischen Film
erkennbar werden lässt. Im Vordergrund stehen hier Story und
Wiedererkennungswert und vor allem letzterer ist enorm. "The Room"
gleicht einem großen Gesamtkunstwerk, in dem alles seinen berechtigten
Platz hat und nichts dem Zufall überlassen wurde. Die Inszenierung des
verstörenden Dramas ist dabei absolut fantastisch gelungen. Dies wird schon
in den ersten Minuten verdeutlicht, in dem alle Familienmitglieder bei ihren
üblichen Tätigkeiten in einer einzigen (!) Kamerafahrt durch das Haus
vorgestellt werden.
Den Dialog sucht man anfänglich noch vergebens, nicht das Wort, sondern der
zwischenmenschliche Ton halten hier das Zepter. Statt Kommunikation begegnen
sich die Familienmitglieder mit Gewalt und Aggression. Melinda ist diesen
Zustand leid und möchte ihr Kind in bessere Verhältnisse auf die Welt
bringen, doch ihr anstehender Auszug beschwört letztendlich den absoluten
Untergang der kaputten Familie hervor. Giles Daoust fängt seine Bilder in
einer trostlosen, regelrecht deprimierenden Atmosphäre ein, die auch beim
Betrachter schnell ein tiefes Gefühl des Unwohlseins hervorrufen.
Regelrecht brilliant ist dabei die Arbeit des Kamerateams, das immer wieder
mit den erstaunlichsten Blickwinkeln, Kamerafahrten und unkonventionellen
Einfällen zu begeistern weiß. Auch die musikalische Untermalung von
Airlock ist unerwartet fabelhaft ausgefallen, die mal leisen, mal
hektisch-nervenaufreibenden Klänge passen sich immer bestens dem Geschehen
an.
"The Room" ist nichts für Schubladendenker, die sich nicht auf
Neues einlassen können oder wollen. Der Film wird dem Zuschauer einiges
abverlangen und gekonnt alle Erwartungen zertreten, nur um dann etwas
vollkommen Unerwartetes entstehen zu lassen. Auch die Genre-Zuweisung fällt
hier mehr als schwer, denn Zuschauer mit schwachen Nerven werden schon
alleine beim Anblick des dunklen Korridors, an dessen Ende die unheimliche
Tür liegt, eine Gänsehaut bekommen. Mit welch einfachen Mitteln Angst und
Paranoia entstehen können, zeigt uns Giles Daoust ebenfalls, denn die
markerschütternden Schreie, mit denen die Personen hinter der Tür
verschwinden, wird wohl so schnell keiner mehr vergessen. Dennoch ist es
unmöglich, hier von einem gängigen Horrorfilm zu sprechen, der Horror
spielt sich in der gezeigten Familie und in den Köpfen eines jeden
einzelnen Charakters ab. An dieser Stelle zu viel zu verraten wäre fatal,
doch der finale Twist von "The Room", nachdem Melinda selbst den
Raum betritt, stellt optisch und inhaltlich so manchen Pseudo-Schocker in
den Schatten und wird gewaltig an der Psyche des Zuschauers kratzen.
"The Room" ist ein surreales Kammerspiel, in dem eine zerstörte
Familie anhand einer übernatürlichen Bedrohung langsam dem Wahnsinn
verfällt. Abgründe tun sich auf und in Flashbacks werden immer mehr
düstere Geheimnisse aus der kaputten Familie verdeutlicht. Das Geschehen
ist dabei meist ruhig, nie actionreich, dank der meisterhaften Inszenierung
aber zu keinem Zeitpunkt langweilig. Beliebig wechselt die Optik zu
schwarzweiß, nur um dann mit wahrhaft wunderschönen Bildkompositionen
aufzuwarten, in denen die Farbe rot immer einen besonderen Stellenwert hat.
Unvergesslich ist beispielsweise die Szene, in der der gelähmte Alex seiner
Schwester seine Liebe gesteht, während rings umher im Wohnzimmer Rosen aus
dem Boden und dem Mobiliar sprießen und somit die einzige Farbe in dem
ansonsten vorherrschenden, tristen grau darstellen.
Die opulente, optisch erstklassige und musikalisch stellenweise fast schon
orchestral unterlegte Inszenierung läuft mit dem erschreckend düsteren Ton
innerhalb der Familie Kopf an Kopf und steuert auf ein unausweichliches,
alles zerstörendes Finale hinzu. Exzellent auch das Spiel der Darsteller,
allen voran Philippe Résimont. Er bringt den boshaften, unberechenbaren und
fiesen Charakter des Vaters Max, der sich nicht scheut, seiner Frau mit der
Faust ins Gesicht zu schlagen, absolut richtig rüber und sorgt alleine
schon durch seine Mimik für realen Schauer. An seiner Seite sehen wir zudem
eine absolut fabelhafte Caroline Veyt als schwangere Tochter, die den
Leading Part souverän ausfüllt. Der tatsächlich am Down Syndrom leidende
Schauspieler Pascal Duquenne erfüllt die Rolle des gelähmten Sohnes
schlussendlich genau so glaubhaft, es gibt keine einzige Fehlbesetzung im
Cast.
Giles Daoust's "The Room" ist in seiner Gesamtheit nur schwer zu
fassen. Leider wird der Film ein Großteil seines Publikums eher
abschrecken, als begeistern und ist sicherlich nicht für jedermann
zugänglich. Wer auf der Suche nach Horror ist, wird ihn hier wohl nicht in
der erwünschten Form vorfinden. Bei näherer Betrachtung ist "The
Room" aber ein durch und durch faszinierendes, tiefgreifendes und
anspruchsvolles Psychodrama, das den Schrecken von Minute zu Minute
greifbarer macht und beweist, dass man auch mit leisen Tönen und wenig
Budget eine unheimlich wirkungsvolle und durchdringende Atmosphäre schaffen
kann. Die Inszenierung ist kunstvoll, die Kamera - und Score-Arbeit ohne
jede Übertreibung meisterhaft. "The Room" ist Pflichtprogramm
für ein aufgeschlossenes Publikum, das hier die Abgründe der menschlichen
Seele in all ihrer Hässlichkeit vorfinden wird. |