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Da haben die Verliese der Filmkunst ja mal
wieder eine ganz feine Trashperle freigelassen. „SCARLETTO – Schloss des
Blutes“, ein italienisch-amerikanischer Versuch, den Gothic-Horror der
Hammerstudios Paroli zu bieten. Das Ergebnis ist ein niedlicher Gruselfilm,
der jeden ernsten Filmabend zur bierseligen Vergnügen werden lässt.
Schon die Eingangssequenz treibt einem jeden Horror-Fan die Freudentränen
ins Gesicht. Zwei Rittersleut’ mit lustigen Hüten der spanischen
Inquisition schleppen einen rotbekappten Henkersmann die Stufen eines
Verlieses hinunter. Eine ehrfurchtsvolle Stimme aus dem Off verliest eine
Anklage. Wir erfahren, dass es sich bei „Rotkäppchen“ um den „scharlachroten
Henker“ handelt. Dieser wurde gerade zum Tode verurteilt, weil er seinen
Pflichten als Henker zwar zuverlässig nachgekommen ist, dabei aber
anscheinend ein bisschen zuviel Arbeitseifer an den Tag gelegt hat.
Offensichtlich stieß es seinen Arbeitgebern etwas sauer auf, dass er seinen
Klienten auf ZU GRAUSAME (!!!) Art und Weise die Leviten zu lesen pflegte.
Wenn schon Todesstrafe, dann bitteschön mit Würde!! (Da spreche noch mal
jemand von „finsterem Mittelalter“...) Wie dem auch sei: Unter wildem
Protestgebrüll à la „Hitler spricht“ wird der Streber nun Opfer seiner
selbstkonstruierten Folterinstrumente. In einer bunten
plastikschwertbewehrten Pappschachtel aus dem Fundus von Siegfried und Roy
findet er sein vorläufiges Ende. Kunstblut läuft aus der Kiste, die, wie
wir im späteren Verlauf erfahren, auch „Witwe von Nürnberg“ genannt
wird...
Gemäß dem Gesetz des Horrorfilms muss natürlich zuvor noch die Nachwelt
verflucht werden, ob sie will oder nicht. Da unser roter Freund in seinem
fränkischen Frauenzimmer gerade anderweitig mit starr gucken und auslaufen
beschäftigt ist, übernimmt dieses ebenfalls der Chefankläger im
Hintergrund. Aus praktischen Gründen werden Henker, seine nun versiegelte
Jungfrauenkiste, Keller und das gesamte Schloss gleich in einem Abwasch mit
einem Bann versehen.
„...denn Ihr seid verflucht! Bis in alle Ewigkeit! Wie diese
unterirdischen Gewölbe verflucht sind. Verflucht sei auch dieses Schloss,
das so viele Grausamkeiten gesehen hat. Über Jahrhunderte hinaus wird es
verlassen bleiben. Keines Menschen Fuß wird es je wieder betreten!“
– Denkste!!!!
Jahrhunderte später nämlich ist das Schloss wieder bewohnt, und zwar von
dem griesgrämigen zurückgezogen lebenden Ex-Schauspieler Travis Anderson,
der sich von seinen ergebenen Dienern (allesamt offenbar direkt von der „Hoppetosse“
rekrutierte Leichtmatrosen mit dickmachenden blau-weißen
Querstreifen-T-Shirts) von der Außenwelt abschotten lässt. In dreister
Eigenart dringt ein Kamerateam in seine kleine heile Welt ein, das das
Gemäuer als ideale Kulisse für die Aufnahme von Bildern für einen
Horror-Schundroman mit dem Titel „Die Rache des Irren von Schloss
Westermore“ (!) ansieht. Hier stehen nämlich haufenweise Skelette in
Kutten und Rüstungen rum, Folterinstrumente, wohin das Auge blickt.
Spinnweben, unheimliche Gemächer und ähnliche horrorwirksamen Utensilien,
wie Fledermäuse hat es selbstverständlich auch. Letztere diese schwirren
munter an „durchsichtigen“ (*hust*) Fäden durch die Gegend. Die
Fotosession ist dann auch sehr schön anzusehen, wenn die spärlich
bekleideten Schauspielerinnen vor allerlei Mittelalter-Folter-Utensilien
posieren. Im Standbild werden die Foto-Shots dann sogar auch stilistisch
sehr gelungen festgehalten.
Unterhaltsamer Weise ist das Filmteam mit sehr unterschiedlichen Charakteren
bestückt. Da wären der geldgierige Produzent (O-Ton nach einem tödlichen
„Unfall“ eines Crew-Mitglieds: „Ich denke an die Spesen..“), ein „witziger“,
da tollpatschiger Kameramann, dessen Slapstick-Einlagen jedoch nur Freunde
von Jerry Lewis – Humor oder Seehundattraktionen im Zirkus begeistern
dürften und der obligatorische gutaussehende Held (hier ein
Horror-Roman-Schreiberling). Dazu gesellen sich u.a. noch eine feurig
temperamentvolle südländische Schönheit und ein blondes Dummchen mit
ebensolcher Frisur, noch dümmeren Kommentaren und einer wirklich gruseligen
Piepsstimme. Dann wäre da noch ein Frauenheld, der auch in
unkonventionellen Situationen immer nur an „das Eine“ denkt und eine
bemerkenswerte Auffassungsgabe und faunistische Kenntnisse offenbart (Sie:
„Ich glaube doch, dass das gerade Schreie waren.“ Er: „Ach was, das
war gestimmt nur eine Fledermaus.“ Sie: „Aber quietschen (!)
Fledermäuse nicht?“ Er: „Dann war’s bestimmt ’ne Eule!!“).
Kaum verwunderlich, dass der scheue Hausherr selbstverständlich wenig
angetan ist von der illustren Besucherschar. (Gespielt wird der
kauzig-muffelige Schlossbesitzer übrigens immer schön breitschultrig von
Ex- Mister Universum Mickey Hargitay und Ex-Mann von Pin-Up-Girl Jane
Mansfield.)
Dass er der munteren Truppe dennoch Unterschlupf gewährt, liegt daran, dass
er (oh Zufall) seine ehemalige Perle und Fast-Braut Edith unter den
Besuchern entdeckt. Einst ließ er seine Verlobte plötzlich und ohne
Erklärung im Regen stehen. Jetzt hat er dann also Gelegenheit ihr den Grund
seines Verhaltens zu offenbaren. Dazu entführt er sie zunächst natürlich
erst mal in sein Gemach. Dort angekommen legt er sich erst mal schick in
Schale, sprich Henkerskostüm: ER ist der neue scharlachrote Henker.
Sich mit Bärenfett oder sonstigem Schmierzeug einreibend erzählt er seiner
(ebenso wie das Publikum) verduzt dreinblickenden Ex-Geliebte dann noch
einen vom Pferd und verschwindet durch eine Sperrholz-„Geheimtür“, um
sich nun seinen anderen Gästen zu widmen. Für diese hat er in seinem
Folterkeller schon einige nette Überraschungen parat.
Als „scharlachrote Henker“ ist er nicht nur mies gelaunt. In seinen
roten Leggins und mit „Phantom“-Augenmaske, rotem Käppi und
überdimensionalem „Amulett des Todes“ legt er bei seinen Meucheleien
eine erstaunliche Kreativität an den Tag, wie z.B. das Basteln von
künstlichen Giftspinnen in Selbstschuss-Spinnennetzen. Auch beweist er eine
Fitness, dass einem der Rumpel stielzt: Wie ein Wirbelwind fegt er gegen
Ende des Films im Verlies von einem gefangenen Opfer zum nächsten, lacht,
posaunt irgendwelche nihilistischen Floskeln, spuckt dem Foto-Produzenten
mit den Worten „Verseuche mich nicht mit Deinem unreinen Blick!!“ ins
Gesicht, zupft hier ein bisschen an der Streckbank, zündelt dort ein wenig
am Scheiterhaufen. Auch die bezaubernde Femi Benussi darf sich unter dem
Pseudonym Femi Martin als Opfer an den Foltereien beteiligen.
Nach einer Schürhaken-Schlacht segnet der scharlachrote Henker dann
letztendlich theatralisch das Zeitliche.
Ende gut, alles gut: Nachdem Edith und Karl dem scharlachroten Henker noch
mal so gerade vom Beil gesprungen sind, können sie sich erst mal ordentlich
knuddeln. Geläutert verspricht Karl seiner Angebeteten, das Schreiben von
Horror-Schmuddel-Romanen aufzugeben. ...na na!! Wer wird denn gleich soooo
hysterisch... ;-)
Wirklich unglaublich, was so in den 60er Jahren die Filmstudios verlassen
durfte. Und höchstwahrscheinlich sahen die Verantwortlichen ihr Machwerk
sogar noch ernsthafte Gruselunterhaltung an. Es wäre wirklich mal
interessant zu wissen, ob sich bei den Vorführungen dieses Films
tatsächlich Kinozuschauer gegruselt haben, oder ob schon nach wenigen
Minuten die Lautstärke hochgeregelt werden musste, da das schallende
Gelächter der Zuschauer die Tonspur übertönte ;-)
Leider ist die seltene deutsche Videofassung von TODAY Video etwas gekürzt.
Die Partylaune wird dadurch jedoch nicht sonderlich getrübt!!
Fazit: Narrenkappe aufgesetzt, Bier kaltgestellt, und ab geht die muntere
Henker-Hatz!! Aber nicht vergessen, ein Kissen auf den Schoß zu legen,
sonst sind die Schenkel schnell wundgeklopft ;-) |