|
17 Jahre nach der vermeintlichen Aufklärung
der sogenannten „Zwergenmorde“, bei denen ein kleinwüchsiger
Thrillerautor aufgrund eines Kinderreimes seinen Opfern ihr kurzes
verbleibendes Dasein ziemlich ungemütlich gestaltete, ereignen sich erneut
Bluttaten, die nahtlos an das Grauen der Vergangenheit anknüpfen. Ist der
tot geglaubte „Zwergenmörder“ wiederauferstanden?
Zusammen mit Giacomo, dem inzwischen erwachsenen Sohn eines der früheren
Opfer, macht sich der pensionierte Inspektor Moretti zum zweiten Mal in
seinem Leben auf die Suche nach dem brutalen Mörder... |
|
Ein neuer Film von Dario Argento? Hmmh...
Angesichts seiner letzten, sagen wir mal „eher durchwachsenen“ Ergüsse
wie „Das Stendal- Syndrom“ oder „Aura“ sind die Erwartungen nicht
gerade hochgesteckt. Aber was ist das? „Sleepless“ gefällt, ja
begeistert sogar!!!
Dario Argento ist mit seinem neuen Film zurückgekehrt zu den Wurzeln seiner
Karriere: Zum klassischen italienischen Giallo– Kino (Giallo = Gelb, von
der gelben Farbe des Einbandes italienischer Thriller – Romanheftchen). Zu
dem Sub- Genre also, durch das er sich mit Klassikern wie „Deep Red“
oder „Tenebre – Der kalte Hauch des Todes“ weltweit eine bewundernde
Anhängerschaft erarbeitet hat. Abseits der momentan angesagten Hightech-
Actionkrimis präsentiert Argento dem geneigten Fan mit eher konventionellen
Mitteln einen atmosphärisch dichten und fesselnd spannenden Thriller, der
trotz aller deutlich zu erkennenden Nostalgie heutzutage erstaunlich frisch
erscheint.
Sich endlich wieder voll auf seine Stärken als Regisseur besinnend,
verleiht Argento auch „Sleepless“ seinen unverkennbaren Stempel, der
sich hier neben den argentotypischen Stilmitteln auch durch das Aufgreifen
von Elementen aus oben genannten Klassikern zeigt (Man beachte
beispielsweise die besondere Betonung bestimmter Farben, ähnlich „Tenebre“
oder „Deep Red“). Sterile Bilder lassen eine harmlose S-Bahnfahrt zum
Höllentrip werden, irrsinnige Kamerafahrten und experimentierfreudige aus
der Sicht des Täters intensivieren die Panik des Opfers, etc.
Insgesamt scheint Argento aus den Fehlern seiner jüngeren Vergangenheit
gelernt zu haben und verlagert seine Schwerpunkte mehr auf Spannung und
Dramatik, denn auf künstlerische Verspieltheiten am Rande, die letztendlich
zu Lasten des Handlungsflusses gehen. Demnach kann die Story durchaus als
straight ahead, mitunter sogar als einfach bezeichnet werden. Das ganze wird
allerdings keineswegs voraussehend, da Argento es meisterhaft versteht, dem
Zuschauer auf seiner Suche nach dem Mörder stets neue Köder zuzuwerfen,
und der Handlung dadurch neue Richtungen verleiht. Gemäß dem Motto „Der
Weg ist das Ziel“, hangelt sich der Perfektionist Argento von Szene zu
Szene um für jeden Moment das Maximum herauszukitzeln, sei es durch
Atmosphäre oder Spannung. Dass der Mörder von einem Kinderreim
inspiriert worden ist, scheint ein gelungener Seitenhieb Argentos auf die
ganze Zensur- und Verbotsdebatte zu sein, deren Opfer er ja schon des
öfteren wurde. (Liebe BPS: Bitte verbietet alle Kinderreime, dann gibt’s
auch weniger Mörder!!!)
Der Soundtrack stammt, wie schon so oft bei den Filmen Dario Argentos, mal
wieder von „GOBLIN“ (In der Dezemberausgabe 2001 vom Musikmagazin „Rock
Hard“ mit einem Interview gewürdigt!) und fügt sich, zwar durch leichte
Drum’n’Bass – Elemente aufgepeppt, ihren Klassikern (z.B. Dawn of the
Dead, The Church) allerdings nie unähnlich, atmosphärisch sehr gut in die
Handlung ein. Besonders erwähnenswert seien hier die an den „Hellraiser“-
Soundtrack erinnernden „Spieluhr- Momente“ als Bezug auf den Kinderreim.
Die in die Handlung wohlintegrierten Splatterszenen sind spärlich aber in
ihrer Wirkung umso effektiver. So sind die Morde mit unglaublicher Kälte
und Grausamkeit in Szene gesetzt, die sogar hartgesottenen Fans des Genres
den brutalen und abgebrühten „Charakter“ des Mörders drastisch vor
Augen führt. Da „Sleepless“ als herkömmlicher (fast schon
nostalgischer) Thriller unvermeidbare „Längen“ (sprich: actionlose
Sequenzen) aufweist, hier eine Warnung: Achtung, Hardcore – Splatterfans:
„Sleepless“ ist kein Horrorfilm für die Videosession bei einer Kiste
Bier!!!
Der sich wie ein roter Faden durch den Film ziehende Generationenkonflikt
zwischen Moretti (brilliant dargestellt von Max von Sydow) als Inspektor der
alten Schule auf der einen, und den mit neuen technischen Hilfsmitteln
agierenden Kommissare auf der anderen, scheint indirekt zu belegen, dass
Dario Argento sich Gedanken über den Konflikt zwischen altbewährtem „Ehrlichen“
(70er / 80er Jahre- Thriller) und „Neu, erfolgreich, bombastisch aber
seelenlos“ („Matrix“, u.ä.) gemacht hat.
Wes Craven hatte ja mit „Scream“ kürzlich auch Erfolg, dadurch, dass er
ein Sub- Genre mit neuer Frische präsentiert hat... Man darf daher
gespannt sein, ob „Sleepless“ als Wiederbelebung des klassischen Giallos
angesichts der verhältnismäßig eher „unspektakulären“ Inszenierung
beim „Matrix“- verwöhnt bzw. verblendeten Mainstream- Publikum Gefallen
finden wird. Dario Argento in dieser Höchstform wäre es wünschen...
Fazit: Dario Argento ist (endlich) wieder back to the Roots: Weniger
künstlerisch tolle (aber dramaturgisch langweilige) Verspieltheit, sondern
direkt auf die Zwölf. Du kennst nur die neueren (schwächeren) Argento –
Filme und fragst Dich, warum er in der Horrorszene als Kultregisseur verehrt
wird? Du kennst Argentos Klassiker und sehnst Dich nach den guten alten
Giallo- Zeiten zurück? Werde auch Du „Sleepless“, weil Du nach dem
Betrachten mehr davon haben willst. |