|
Mario Bava ist einer der bekanntesten,
italienischen Regisseure, doch diesen Status musste sich der im Jahr 1980
verstorbene Filmemacher hart erarbeiten. Seinen Einstieg in die Filmbranche
fand Bava als Kameramann, wobei er dank seines Talents schnell auf sich
aufmerksam machen konnte. Zu dem Posten als Regisseur kam Bava anfangs nur,
weil er für andere Regisseure einspringen musste, die einen angefangenen
Film nicht vollenden wollten oder konnten, doch mit "Die Stunde, wenn
Dracula kommt" bewies Mario Bava endgültig, dass er auch alleine in
der Lage ist, einen sehr guten Film zu inszenieren. Der Streifen erregte
schnell aufsehen und wurde zu einem beachtlichen Erfolg, der den weiteren
Verlauf des italienischen Horrorfilms maßgeblich beeinflussen sollte und
Mario Bava mit einem Schlag zu einem der bekanntesten Namen im
Horrorfilmgeschäft machte.
Es wird schnell klar, woran sich das auf einem russischen Volksmärchen
basierende Erstlingswerk Bava's anlehnt: Zur selben Zeit wurden die
Horrorfilme des britischen Hammer-Studios immer populärer, und auf den
ersten Blick hat es tatsächlich den Anschein, als wäre "Die Stunde,
wenn Dracula kommt" ebenfalls ein Auswurf des Filmstudios.
Nebelverhangene Landschaften, alte Gemäuer, aristokratische Anwesen mit
Geheimgängen und prachtvollen Gemälden an den Wänden, sich im Wind
bewegende Spinnennetze und vieles mehr sind die Markenzeichen des britischen
Gothic-Horrors. Ganz in dieser Tradition lieferte Bava mit "Die Stunde,
wenn Dracula kommt" einen atmosphärischen schwarzweiß Streifen ab,
der jedoch mit, für die damalige Zeit, erschreckend harten Szenen aufwarten
kann.
Bereits die Einstiegsszene im Jahr 1630 macht Lust auf mehr: Die Hinrichtung
der Hexe Asa, inklusive einem kleinen Prolog über die damalige Angst der
Menschen vor Vampiren und der daraus resultierenden Paranoia, ist
unglaublich atmosphärisch und fesselnd. Und spätestens wenn Asa mit einem
gewaltigen Hammer die Eisenmaske mit nach innen gerichteten Nägeln aufs
Gesicht geschlagen wird und das erste Blut spritzt, dann traut man zum
ersten Mal seinen Augen kaum. Vor 47 Jahren waren derartige
Gewaltdarstellungen in Horrorfilmen beinahe noch Neuland, weshalb man Bava
schon ein gewisses Mut zum Risiko zusprechen darf. Später wurde der Film in
vielen Ländern sogar zensiert oder verboten, was nicht weiter überraschen
sollte. Kein Wunder, wenn der Regisseur uns hier doch beibringt, das man
Vampire nicht nur mit Sonnenlicht und Pfählen durchs Herz töten kann,
sondern auch, wenn man ihnen die Augen aussticht. Dass der Gute dies dann
auch noch zeigt, dürfte damals vielen Kinobesuchern zu viel gewesen sein.
Dennoch ist "Die Stunde, wenn Dracula kommt" natürlich noch weit
von dem entfernt, was heute als Splatter bezeichnet wird. Die gezeigten
Effekte sind hart, aber nicht ausufernd und nehmen zudem keinen all zu
wichtigen Platz im Film ein. Vordergründig konzentriert sich Bava auf sein
umwerfendes Talent als Kameramann. Die Sets sind stets perfekt eingefangen
und lassen kein Zweifel daran aufkommen, dass der Verantwortliche ein
Meister seines Fachs war. "Die Stunde, wenn Dracula kommt" zieht
seine Spannung nur selten aus direkt actionreichen Sequenzen, sondern baut
vielmehr eine schaurige Suspense auf, etwa wenn Dr. Kruvajan und Dr. Gorobec
anfangs in die Gruft hinabsteigen und die Hexe Asa in ihrem Sarg auffinden.
Am heutigen Verständnis von Horror kann das Werk nicht gemessen werden,
doch jeder, der etwas mit alten Gruselstreifen anfangen kann, wird "Die
Stunde, wenn Dracula kommt" sofort zu schätzen wissen. Bava würzt
sein Werk mit allerlei interessanten Einfällen: Da grinst der Teufel aus
einer Teetasse, verändern sich die Zeichnungen auf Gemälden oder
schleichen finstere Gestalten durch die Dunkelheit.
Der einzige Negativpunkt, den ich anzubringen habe, ist die teilweise
verwirrende, alles in allem aber dennoch zu einfach gestrickte Story.
"Die Stunde, wenn Dracula kommt" baut lediglich auf einem Fluch
und der Rache einer ehemals grausam hingerichteten Hexe auf, doch wenn man
das Produktionsjahr des Films bedenkt, ist das noch verschmerzbar.
Langweilig wird einem hier nie, doch ab und an hat man anhand der vielen
verschiedenen Namen und Charaktere etwas Mühe, dem Geschehen folgen zu
können. Loben muss ich die Darsteller, an vorderster Front Barbara Steele.
Durch ihre Doppelrolle als Hexe und deren Nachkommin wurde Steele jahrelang
nur noch mit dem Horrorgenre assoziiert und bekam auch fast ausschließlich
entsprechende Rollenangebote. Sie spielt die mysteriöse Hexe sehr
unheimlich, auf eine gewisse Weise erotisch und außerordentlich anziehend.
Jeder, der etwas mit den klassischen Horrorfilmen der Hammer-Studios oder
auch den frühen Werken von Universal anfangen kann, wird "Die Stunde,
wenn Dracula kommt" lieben. Nicht umsonst bezeichnete Tim Burton dieses
Werk in einem Interview einst als seinen Lieblingsfilm und nicht umsonst
gilt Bava's erster, eigenständiger Film als eine der besten italienischen
Horrorproduktionen. Die Story ist zwar nicht gerade die Einfallsreichste,
doch das machen die atmosphärischen Gruselmomente, von denen es in
"Die Stunde, wenn Dracula kommt" reichlich gibt, auf jeden Fall
wieder wett. |