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Wer kennt sie nicht, die Szene in Quentin
Tarantino’s hervorragendem “Jackie Brown” (USA, 1997): Bridget Fonda
räkelt sich völlig zugekifft auf dem Sofa und schaut sich einen Film im
Fernsehen an. Samuel L. Jackson gesellt sich dazu und fragt, auf den gerade
gezeigten Darsteller auf dem Bildschirm deutend: „Ist das Rutger Hauer?“
Bridget antwortet leicht genervt: „Nein, das ist Helmut Berger!!“
Hier ist er nun also: Der Film, den Tarantino in seinem Werk auf diese Weise
ein Denkmal gesetzt hat: „DER TOLLWÜTIGE“, u.a. hierzulande auch unter
dem Titel „Mad Dog“, international auch als „Beast with a Gun“
bekannt.
Helmut Berger, u.a. bekannt durch seine Mitwirkung an so netten
Filmbeiträgen wie „DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY“ (Massimo Dallamano,
Deutschland, Italien, 1970) oder „FACELESS“ (Jess Franco, Spanien,
Frankreich, 1988) brilliert in der Rolle des Fieslings Nanni (für einen
Italo-Thriller dieser Zeit völlig untypisch OHNE Suppensieb über der
Operlippe). Mal abgesehen davon, das er hier den Oberfiesling schlechthin
präsentiert, konnte und kann Helmut Berger im wirklichen Leben eine Menge
Sympathien einheimsen, da er sich trotz aller Starallüren und
Nebenwirkungen des allzu flüchtigen Star-Lebens immer als Mensch
präsentiert. Sei es sein offen locker geführtes Sexualleben, die
Unterstützung jüngerer Künstler (u.a. wirkte er in Christoph
Schlingensiefs „Die 120 Tage von Bottrop“ (Deutschland, 1997) oder in
einem Videoclip der Hamburger Independent-Combo „Blumfeld“ mit) oder
einfach nur, dass er (wenn auch unfreiwillig) aufgezeigt hat, dass auch
Promis nur Menschen sind, als er feststellen musste, dass sich Magen- und
Darmprobleme bei öffentlichen Veranstaltungen äußerst peinlich auf einen
weißer Anzug auswirken können...
Ganz anders dagegen der Helmut Berger in „DER TOLLWÜTIGE“: Berger
spielt die Rolle des rachsüchtigen Psychopathen mit einer derartigen
Inbrunst und einem intensiv bösen Mienenspiel, dass einem Angst und Bange
wird und sich Vergleiche zur grandiosen Vorstellung von David Hess als
brutalem Filmschurken in dem Klassiker „Last House on the Left“ (Wes
Craven, Sean Cunningham, 1972) geradezu aufdrängen. Die Szenen in der z.B.
scheinbar grundlos einen wehrlosen Tankwart halb totschlägt oder wie er am
Ende des Films den nackten Oberkörper von Marina Giordana als
Kommissartochter Carla mit dem Messer bearbeitet, lassen auch hartgesottenen
Zuschauern angesichts der Kaltblütigkeit des Dargestellten den Atem
anhalten.
Die äußerst attraktive Marisa Mell durfte sich ja einst schon bei Lucio
Fulci „Nackt über Leichen“ präsentieren („Una sull’altra“,
Frankreich, Italien, Spanien, 1969) und konnte auch 1975 in „Parapsycho
– Spektrum der Angst“ (Peter Patzak, Deutschland) schon mal in die
Psychopathen-Welt hineinschnuppern und füllt die Rolle des unter dem Bann
Bergers stehenden Opfers sehr überzeugend aus.
Ein regelrechtes Phänomen im Filmbereich stellt wohl „Commissario Santini“
Richard Harrison dar: Während sich viele Schauspieler im Action/Thriller-
Bereich die Hörner relativ schnell abstoßen und im höheren Alter denn
doch eher Rollen in etwas ruhigeren Filmen annehmen, hat sich Richie nach
seinen 60er-Jahre Anfängen im Western- und Abenteuer-Genre und einem kurzen
Ausflug in das Thriller- und Exploitation- Milieu (neben dem „Tollwütigen“
u.a. auch in dem Italo-Trash-Klassiker „Provinz ohne Gesetz“(„Provincia
violenta“, Mario Bianchi, Italien, 1978)) in den 80er Jahren ganz dem
actionlastigen „NINJA“-Film hingegeben...
Der grandios eindringliche Soundtrack von Umberto Smaila erinnert
stellenweise an die Werke der Argento-Hausband GOBLIN: wunderschöner, teils
minimalistischer Keyboard-Klaviersound mit eingängiger Melodie, die einem
auch nach Genuss des Films noch im Gedächtnis haften bleibt.
Den Feinschliff des ohnehin in sich schon stimmigen Werkes erhält der Film
dann zusätzlich noch durch seine hervorragende deutsche Synchronisation,
die einfach von hinten bis vorne wie die Faust aufs Auge passt, sich
keinerlei Blößen durch irgendwelchen albernen Klamauk gibt und durch die
gerade Helmut Bergers schauspielerische Vorstellung noch zusätzlich
intensiviert wird. Sogar international scheint die deutschsprachige Fassung
des Films bei Filmfreunden sehr beliebt zu sein. Einen Helmut Berger hört
man Kraftausdrücke und Beleidigungen nun mal am liebsten auf deutsch
sagen...
Die FSK-Freigabe ab 16 Jahren war seinerzeit wohl ein gutgemeinter Witz
seitens der FSK: Zwar kommt der Film ohne übermäßig harte Blut- und
Gewaltdarstellungen aus, die angedeuteten Sadismen und Quälereien sind
allerdings schon wahrhaft harter Tobak: So beobachtet z.B. Helmut, gerade
die Begleiterin eines gefangen genommenen Verräters vergewaltigend, seine
Kumpane, wie sie den Mann zusammenschlagen. Da er einerseits gelangweilt ist
von der eigenen Rumreiterei, andererseits seinen Kumpels nicht das
vergnügen überlassen will, seinen Verräter zu erledigen, ergreift er mal
eben selbst die Initiative und springt von der Frau runter, nur um dem Typen
selber ordentlich seine Fresse zu zermatschen. Und wenn Helmut dann das
bewusstlose Opfer in eine Grube werfen lässt, um dann so einen herrlichen
Satz zu sagen, wie: „Los, Bruno, hol jetzt den Kalk!!“, dann wissen
eingefleischte Fans sicher, dass der arme Mann nun wohl seine persönliche
GEISTERSTADT DER ZOMBIES besuchen wird... (Die Bundesprüfstelle sah es denn
bezüglich der Jugendfreigabe auch entsprechend anders als die FSK und
setzte den Film trotz FSK 16 auf den Index...)
Alles in allem ist der „DER TOLLWÜTIGE“ uneingeschränkt wirklich jedem
Filmfan zu empfehlen und verliert auch bei mehrmaligem Sehen nichts von
seiner Intensität und seinem Charme. Das ist wirklich grandioses
Kino!!!! Es zeigt sich einmal mehr, dass Quentin Tarantino wirklich
einen erlesenen Filmgeschmack hat, wenn er Kultschauspielerinnen wie Pam
Grier oder Filmen wie „DER TOLLWÜTIGE“ in seinen Produktionen
wohlverdienten Tribut zollt...
Fazit: „DER TOLLWÜTIGE“ ist sleaziger Terror pur!! Ein Meisterwerk des
Terror-Kinos!!! Helmut Berger geht als psychopathischer Killer in die
Filmgeschichte ein!!!!! |